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Nettetal
Seit 550 Jahren wird hier Recht gesprochen

Nettetal. Die Lobbericher sind mächtig stolz auf ihr Amtsgericht. Seine Vorläufer waren die französich-preußichen Friedensgerichte. Davor schon gab es Schöffengerichte, dessen Mitglieder einst auch die Gemeinde verwalteten Von Manfred Meis

Drei Amtsgerichte gibt es im Kreis Viersen, eines liegt an der Steegerstraße in Lobberich. "Darauf können wir recht stolz sein", sagte Ralf Schmeink, als er über Anfänge des Gerichtswesens in Lobberich beim Heimatverein "Stammtischrunde" sprach. Entscheidende Bedeutung für die Existenz eines Amtsgerichtes am Ort hatten der Beschluss der Franzosen, dort 1798 ein Friedensgericht einzurichten, das nach 1815 die Preußen übernahmen; sie ordneten 1821 Breyell, Boisheim, Kaldenkirchen, Bracht und Grefrath diesem Gericht zu. Inzwischen gehören Boisheim zu Viersen und Grefrath zu Kempen, dafür werden von Lobberich aus heute ganz Nettetal und Brüggen betreut.

Von Gewaltenteilung zwischen Rechtsprechung, Verwaltung und Gesetzgebung hatte man zum Ende des Mittelalters noch nichts gehört. Der Landesherr bestimmte das Schöffengericht (erster Nachweis für Lobberich 1460), dieses überwachte mit dem Amtmann oder Schultheiß, vom Landesherrn ernannt, die Ausführung der Urteile, deren Grundlage der Landesherr bestimmt hatte. Dies war bis 1543 ein wirklicher Herzog von Geldern, dann der spanische Kaiser. Dieser geriet ein Jahrhundert später in finanzielle Schwierigkeiten, so dass er "Herrlichkeiten" am Niederrhein mit allen Rechten verkaufte. So erwarb 1673 Gilles Werner von Bocholtz die Herrschaft über Lobberich. Rund 125 Jahre lang bestimmten die von Bocholtz von der Burg in Bocholt aus, wie und wo es in Lobberich lang ging.

Das änderte sich nach der Französischen Revolution 1789 und der anschließenden Besetzung des Rheinlandes, das ein Teil des französischen Reiches wurde. Die Schöffengerichte, früher auch Teil der Verwaltung, wurden Friedensgerichte, nur noch der Rechtsprechung verpflichtet. Nach dem Wiener Kongress übernahmen die Preußen diese Friedensgerichte, die weiterhin Recht nach französischen Normen sprachen. Erst am 1. Oktober 1879 entstand das Amtsgericht Lobberich, das zunächst zum Landgerichtsbezirk Kleve gehörte, aber 1910 dem Landgerichtsbezirk Krefeld zugewiesen wurde. Das Amtsgericht war viele Jahrzehnte im Gebäude Süchtelner Straße 14 untergebracht; erst im März 1938 erhielt es einen Neubau an der Steegerstraße, der 1994 um einen Anbau erweitert wurde.

In der Geschichte des Amtsgerichtes gibt es den Richter Julius Baumann, der dort von 1908 bis 1948 tätig war und in der Zeit des Dritten Reiches gemeinsam mit seinem Kollegen Walter Vreen allen Forderungen widerstand, auch der NSDAP beizutreten. Gegen den Zentrumsmann und das Mitglied des Kirchenvorstandes von St. Sebastian wagte "die Partei" aufgrund seines überragenden Ansehens im Ort nicht vorzugehen. Und das, obwohl er eine regimekritische Predigt eines Kaplans als "nicht gerichtsfähige Sache" niederschlug. Auch wurden zwei seiner Söhne dabei erwischt, wie sie Briefe des Jagdfliegers Mölders verbreiteten, die Adolf Hitler kritisierten. Baumann wurde nach dem Krieg aufsichtsführender Richter in Kempen, weil er dazu als Nicht-NSDAP-Mitglied geeignet erschien. Nach 50 Jahren Dienstzeit ging er in den Ruhestand, "rühmliches Beispiel eines charakterfesten Mannes", wie Max Zanders in seinem Buch "1000 Jahre Lobberich" 1988 schrieb.

Baumann hat sicherlich mit großem Interesse den Weg eines jungen Juristen verfolgt, der bei ihm 1910/11 eine Stage der Referendarausbildung absolvierte: Carl Schmitt. Mit dem "umstrittensten Juristen des 20. Jahrhunderts" - so bezeichnet ihn Ernst Hüsmert in einer Sammlung seiner Jugendbriefe - und seiner Funktion als Steigbügelhalter des Nationalsozialismus beschäftigen sich Historiker noch heute sehr kontrovers. In Lobberich wohnte Schmitt von August 1910 bis Mai 1911 an der Marktstraße 12, in dessen Erdgeschoss sich damals die Weinstube Bernhard Paßmann befand.

In den erhaltenen Briefen und Karten an seine Schwester Auguste in Berlin kommt Lobberich so gut wie nicht vor. Nur einmal heißt es: "Geldern ist nicht größer als Lobberich und noch viel monotoner (...) Ich habe es hier immer noch gut; reise zwischen Lobberich und Gladbach hin und her und lasse mich im Schlamme oben treiben. Ich spiele sehr viel Klavier und bekomme von allen Seiten schöne Noten geliehen. Kurz, es ist nicht viel, an dem es mir gebricht."

Quelle: RP
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