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Nettetal
Sprechen für die, die nicht mehr leben

Nettetal. Auch in Kaldenkirchen ist lange über das Schicksal der jüdischen Bürger geschwiegen worden. Dennoch hat bereits verhältnismäßig früh die Erinnerung eingesetzt. Der Bürgerverein knüpfte in den 1970er Jahren Kontakte zur jüdischen Gemeinde in Mönchengladbach.

Als das heutige Büro der Baugesellschaft Nettetal an der Ecke Synagogenstraße/Klostergasse errichtet wurde, brachte man an der Hauswand eine Tafel an. Sie erinnert daran, dass schräg gegenüber die kleine Synagoge stand, von der es kein Foto gibt. Es existiert nur ein Foto der Ruine aus der frühen Nachkriegszeit.

Mithilfe von Plänen der Stadt konnte der genaue Standort ermittelt und im Boden nachgezeichnet worden. Am Abend des 9. November führt der Weg während der Gedenkfeier des Pogroms die Menschen immer dorthin.

Auf dem alten jüdischen Friedhof an der Ecke Jahn-/Frankstraße erinnert eine Stele an jüdische Bürger, die ihr Leben während der Nazi-Zeit verloren. Auch er wurde dank des Bürgervereins grundlegend neu gestaltet. Ein neuerer Friedhof mit zum Teil recht alten Grabsteinen befindet sich am Akazienweg. Die "Initiative Stolpersteine für Kaldenkirchen" entwickelte sich erst vor wenigen Jahren. Sie hat jetzt ihr Ziel erreicht, die Erinnerung an die einzelnen Opfer der Verfolgung zu pflegen.

Sie haben in den Steinen nicht nur ihre Namen wiedergefunden, sondern durch die Arbeit von Gesamtschülern in den vergangenen Jahren auch ihre Biografien. Dazu gehören seit gestern neben Simon und Henriette Defries auch Johanna Sanders sowie Henriette und Sally Sanders. Henriette wohnte im Anbau eines Hauses an der Fährstraße 12 bei Familie Lion. Sie war ledig und wurde 1942 nach Theresienstadt und von dort ins Vernichtungslager Auschwitz deportiert, wo sie 1943 starb. Sally Sanders wurde 1941 ins Ghetto Riga verschleppt und dort ermordet. Am Haus Steyler Straße 7 wurden vor einiger Zeit Stolpersteine für die Familie Harf im Gehweg eingelassen.

Nach der Verlegung der Stolpersteine berichtete Edith Bader-Devries gestern im Gemeindehaus von ihrem Schicksal. "Ich will sprechen für die Menschen, die nicht mehr leben", sagte die alte Dame, die sich einen Judenstern angeheftet hatte. Sie überlebte mit ihren Eltern den Aufenthalt im KZ Theresienstadt. Ihre Familie entschied sich danach, in Deutschland zu bleiben. Sie hält seit Jahrzehnten Vorträge, bemüht sich, ihre Botschaft von Toleranz und Nächstenliebe an künftige Generationen weiterzugeben. Sie hat ein Buch geschrieben, das einen Einblick gibt in das wechselvolle Schicksal einer eng mit ihrem Heimatort verbundenen deutsch-jüdischen Familie.

Buch Edith Devries: "Nicht mit zu hassen, mit zu lieben bin ich da", 12,95 Euro.

(lp)
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