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Nettetal
Die Kriegstoten erhielten wieder ein Gesicht

Tag des offenen Denkmals in Nettetal: "Bewegende Geschichte"
Das mehrere Jahrhunderte alte Kreuz war für den Denkmaltag aus dem Tresor der Pfarre St. Sebastian geholt worden, um es auf dem Altar der Alten Kirche zu zeigen. FOTO: Busch
Nettetal. Beim Tag des offenen Denkmals wurde in Nettetal an die Auswirkungen zweier Weltkriege auf die Menschen und ihre Familien erinnert. Das Gezeigte unter dem Motto "Bewegende Geschichte" hinterließ viel Nachdenklichkeit. Von Manfred Meis

Manchmal musste man sich schon weit vornüberbeugen, um die kleine Schrift auf den Totenzetteln zu erkennen, die auf Tischen im Bürgerhaus Kaldenkirchen ausgebreitet waren. Oder man musste in die Knie gehen, um auch die untere Reihe der an Leinen befestigten Totenzettel in der Alten Kirche in Lobberich betrachten zu können. Namen kamen wieder in Erinnerung, sie erhielten wieder ein Gesicht, Schicksale wurden lebendig. Und Erschrecken wurde hörbar: "Die waren doch alle noch so jung", raunte es hier und da, als sichtbar wurde, dass da fast eine ganze Generation zwischen 20 und 40 Jahren ausgelöscht wurde.

Vom bundesweiten Leitmotiv "Handwerk - Technik - Industrie" für den Tag des offenen Denkmals hatte man sich in Nettetal abgekoppelt und zeigte stattdessen "Bewegende Geschichte": Dokumentiert wurden die Auswirkungen des Ersten und des Zweiten Weltkrieges auf die Bevölkerung in Nettetal. Das gelang besonders eindrucksvoll in Lobberichs Alter Kirche, selbst ein Denkmal und in den letzten Tagen des Zweiten Weltkrieges Zielscheibe vieler Granaten der US-Armee, die Lobberich sturmreif schießen musste, weil die Nationalsozialisten eine Vereidigung des Ortes angeordnet hatten. Im Innern sind die Spuren der Zerstörung noch deutlich zu sehen, aber man kann inzwischen wieder einen Spaziergang unterm Dach über das Gewölbe machen - das Angebot wurde gut genutzt. In einer Fotoausstellung zeigte der VVV Lobberich zahlreiche Bilder von im Krieg zerstörten Gebäuden. Sogar einigen Resten von Bunkern war Helmut Heesen noch auf die Spur gekommen: In einer Karte wurden Verteidigungsanlagen des Westwalls dokumentiert. Neben vielen Fotos und Dokumenten hatte der VVV Hinsbeck auch Feldflaschen, Taschen, Kavalleriestiefel, eine Unterschenkel-Prothese und Unterarmkrücken mitgebracht, die sonst im Dorfmuseum deponiert sind. Aus Familienbesitz hatte Heinz Koch, der die den Stand mit Ralf Hendrix aufgebaut hatte, ein Paar Schuhe seines Schwiegervaters Franz Vanderheiden beigesteuert, die dieser in der Kriegsgefangenschaft gebastelt hatte: eine Holzsohle, auf der dann Segeltuch befestigt worden war. Dokumentiert waren auch die Kriegslebensläufe von Paul Thofondern (Glabbach) und des Sanitätssoldaten Heinrich Hendrix, der sogar die Kugel aufbewahrt hatte, die ihm in einem Lazarett herausoperiert wurde. Auch in düsteren Zeiten gab es so etwas wie Galgenhumor: "Schwarz ist die Nacht, weiß ist der Schnee, und von beiden Seiten die Rote Armee" wird das dreifarbige Band einer Tapferkeitsauszeichnung beschrieben.

Im Jahre 1935 ist im alten Lambertiturm in Breyell eine Kriegergedächtniskapelle eingerichtet worden. Unter dem Kreuz standen die Namen der im Ersten Weltkrieg gefallenen Breyeller, wie sie vorher auch schon auf einem 1931 eingeweihten Denkmal auf dem Friedhof verzeichnet waren. Nun allerdings fehlte ein Name eines jüdischen Mitbürgers. Darauf machte Dr. Reinhard Rankers vom Förderverein Alter Kirchturm aufmerksam, als er in eben dieser Gedächtniskapelle die Kriegstoten der Gemeinde im Zweiten Weltkrieg dokumentierte. Es hatte keine Totenzettel, sondern umfangreiche Computerausdrucke mit Lebensdaten, die auf weitere Dokumente im Computer hinweisen. "Wir wollten den Namen ein Gesicht geben", erläuterte Rankers, der dabei auch auf die Arbeit der Gesamtschule zum Schicksal der Juden in Breyell zurückgreifen konnte.

Den Eingang zum "Altem Lambert" zierten gusseiserne Tafeln aus dem früheren Rötzel-Gebäude zur Erinnerung an die Kriegstoten der Firma, im Innern standen die Tafeln mit den Namen. "Wir haben sie vor der Verschrottung bewahren können."

Der Tag des offenen Denkmals hatte am Morgen mit einem Wortgottesdienst im Schaager Kreuzgarten begonnen: Dort steht das Kreuz auf einem früheren Bunker. Er endete am Nachmittag in Kaldenkirchen unter freiem Himmel bei einer Rundfahrt/Rundgang zu zahlreichen Gedenkstätten, zu denen Bürgervereinsvorsitzender Heinz-Willi Schmitz die Erläuterungen gab. Der Bürgerverein hatte eigens ein Faltblatt herausgegeben, das auch künftig noch erhältlich ist, so dass sich jeder auf eigene Faust über die Erinnerungskultur in der Grenzstadt ein Bild machen kann. Bei der offiziellen Eröffnung in der Alten Kirche Lobberich lenkte Bürgermeister Christian Wagner den Blick vom "Streifzug in die Vergangenheit" auch auf Kriege in der Gegenwart und mahnte, der Streit um Werte dürfe nicht zu kriegerischen Auseinandersetzungen führen.

Quelle: RP
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