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Nettetal
Tolkemiter für immer

Nettetal: Tolkemiter für immer
Die Luftaufnahme von Tolkemit entstand 1936. FOTO: Busch, Franz-Heinrich sen.
Nettetal. Vor 66 Jahren kamen hundert Kinder, Frauen und meist ältere Männer aus dem ostpreußischen Ermland in Lobberich an. Acht von ihnen berichteten darüber im Heimatverein "Stammtischrunde". Von Manfred Meis

Die ersten Tage und Nächte verbrachten sie im Saal Dammer, der fürs Schlafen mit Stroh ausgelegt worden war. "Wir waren der ärmste Transport mit selbst gemachten Schuhen und dem, was wir anhatten", erinnert sich Eva Stresau. Der Gang vom Bahnhof in den Ortskern ist ihr wie ein Spießrutenlauf vorgekommen. Ihre Großmutter hat in einem Tagebuch festgehalten, was zwischen der Abfahrt in Tolkemit am Frischen Haff am 18. Juni 1946 und der Ankunft in Lobberich am 1. August 1946 passiert ist. Aus ihm las Eva Heines, wie sie nach der Heirat mit dem Friseurmeister Friedel Heines heißt, beim Heimatverein "Stammtischrunde" vor.

Acht Frauen und Männer waren der Einladung gefolgt, mit Ur-Lobberichern die Zeit zwischen 1945 und 1960 in Erinnerung zu rufen. Die letzten Kriegsmonate waren eine schlimme Zeit. Schon im Februar 1945 waren viele Tolkemiter in Richtung Westen nach Danzig geflohen. Nach Kriegsende waren viele aber wieder in ihre kleine Gemeinde zurückgekehrt. Von den einst 4000 Einwohnern bleiben viele im Krieg, wurden verschleppt oder verhungerten. "Wenn wir das gewusst hätten, wären wir wahrscheinlich nicht zurückgegangen", meint Lena Friedrichs geb. Gande, die auflistete, wie die Einwohnerzahl dezimiert worden war.

Weil sie nicht Polen werden wollten, machten sich 600 Tolkemiter im Juni 1946 auf nach Westen. Denn "die machten mit uns, was sie wollten. Wir haben abends hinter verrammelten Türen gesessen und gebetet", erinnert sich Eva Heines. Zu Fuß, auf Schleppkähnen und in Güterwaggons ging es über Elbing, Danzig, Stettin, Lübeck ("Das erste gute Essen"), Uelzen, Wipperfürth und Geldern in den Kreis Kempen-Krefeld. Je hundert landeten in Lobberich und Kaldenkirchen. In Lobberich betreuten sie die DRK-Helferinnen Veith, Krey, Heymanns und Kalkuhl. Es gab eine "Volksküche" an der Breyeller Straße mit Eintopfessen.

Größere Familien kamen ins "Lager", wie der Niedieckbau auf der oberen Breyeller Straße genannt wurde. Dort waren zuvor Zwangsarbeiter untergebracht. Kleinere Familien wurden in beschlagnahmte Zimmer eingewiesen. Bruno Hohndorf kam mit Onkel und Tante in der Gärtnerei Strack in einem Zimmer mit Zentralheizung unter ("Da wärmte sich im Winter immer die Verwandtschaft"). Nach anderthalb Jahren wurde die Schule wieder Pflicht. "Frl. Thieme hat uns Nachhilfe gegeben, dafür mussten wir Kartoffeln schälen", weiß Eva Heines noch.

Quelle: RP
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