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Nettetal
VVV erinnert an Euthanasie-Opfer

Nettetal. Zeitweilig waren in den 1930er-Jahren behinderte Menschen aus der Süchtelner Landesklinik im Hinsbecker Krankenhaus untergebracht. Der Verkehrs- und Verschönerungsverein will eine Stele im Friedenspark aufstellen. Von Ludger Peters

Heinz Koch erforscht schon seit vielen Jahren die Hinsbecker Ortsgeschichte. Er liebt Quellen des dörflichen Alltags und vermeidet Darstellungen, die Hinsbeck eine besondere Rolle in der Weltgeschichte geben könnten. Eine Versuchung, der Hobbyhistoriker oft nicht widerstehen können. Im Archiv der Pfarre St. Peter stieß er vor einiger Zeit allerdings auf Hinweise, die ihm und vielen Hinsbeckern keine Ruhe mehr lassen. Während des Nazi-Regimes wurden im damaligen Krankenhaus geistig behinderte Menschen betreut, von denen viele vermutlich später Opfer des NS-Euthanasie-Programmes wurden.

"Hans Kohnen hat im vierten Hinsbecker Lesebuch bereits darauf hingewiesen, dass im Krankenhaus geistig behinderte Menschen betreut wurden", sagt Koch. Als er über Akten des Pfarrarchivs brütete, stieß er auf Hinweise, dass im Krankenhaus etwa ab 1936 behinderte Menschen aus der Süchtelner Klinik betreut wurden. "Bei Ende des Ersten Weltkriegs betreute die 1906 gegründete Klinik etwa mehr als 500 behinderte Menschen, in den 1930er-Jahren waren es mehr als 1300 und in den ersten Kriegsjahren wurden weit über 2000 Menschen betreut", berichtet Koch. Die Vermutung liegt nahe, dass die Klinikleitung Ausweichmöglichkeiten suchte - und in Hinsbeck fand.

Koch geht davon aus, dass die Pfarre einerseits aus karitativen Gründen die geistig behinderten Menschen aufnahm, andererseits aber auch wirtschaftlich von der Auslastung des Hauses profitierte. Etwa 250 Behinderte waren zeitweilig hier untergebracht. Seine Forschungen hat Heinz Koch längst nicht abgeschlossen. Aber es sei außerordentlich schwierig, diesen Menschen nachzuspüren. "Soweit ich das heute beurteilen kann, sind sie irgendwann nach Süchteln zurückgekehrt und dann Opfer der Euthanasie geworden. Viele dieser Menschen sind im Dunkel eines der düstersten Kapitel deutscher Geschichte verschwunden und ausgelöscht worden. "Mich würde interessieren, ob die Klinik behinderte Menschen auch auf andere Krankenhäuser in der Umgebung verteilt hat und wie deren Schicksale waren", sagt er. Koch hat Gespräche mit Zeitzeugen geführt und vor allem versucht, über die Ordensschwestern Auskünfte einzuholen, die ihm weiterhelfen. In Hinsbeck selbst habe er durchaus zwiespältige Erfahrungen bei Nachforschungen zur NS-Zeit machen müssen, sagt er. Viele Bürger seien sehr aufgeschlossen, in Einzelfällen sei er aber auf Ablehnung gestoßen. "Ich versuche allen immer klar zu machen, dass wir unsere Geschichte aufarbeiten müssen. Es ist doch besser, wir machen das, als dass in ferner Zukunft Dokumente auftauschen, auf deren Inhalte wir überhaupt nicht vorbereitet sind. Und ich weiß auch nicht, ob spätere Generationen noch die heutige Chance haben, unsere Vergangenheit zu erforschen", meint Koch.

Auch wenn da noch Etliches aufgearbeitet werden muss - der Verkehrs- und Verschönerungsverein (VVV), dessen Vorstand Heinz Koch angehört, stellt sich seiner Verantwortung vor der Geschichte. "Wir haben im Herbst des vergangenen Jahres Stolpersteine vor den Häusern verlegen lassen, in denen zur NS-Zeit jüdische Bürger lebten", erklärt VVV-Vorsitzender Peter Beyen. Die bei Manfred Mangold in Auftrag gegebene Basalt-Stele solle an die behinderten Menschen und ihre Schicksale erinnern, die von 1936 bis in die frühen 1940er-Jahre hinein in Hinsbeck lebten.

Der VVV hat sich dagegen entschieden, die Stele am Marienheim aufzustellen, auch wenn es das frühere Krankenhaus ist. "Wir wollen die betagten Bewohner nicht irritieren. Es gibt einen anderen geeigneten Ort, nämlich den Friedenspark im Herzen von Hinsbeck. Neben dem Ehrenmal für die Kriegstoten wollen wir die Stele platzieren. Die Gedenkfeier findet während des Schützenfestes am Sonntag, 20. Juni, statt. Dann sind die Hinsbecker Schützenvereine ebenso dabei wie viele andere Abordnungen. Ich bin sicher, dass wir einen sehr würdigen Rahmen haben werden", meint Peter Beyen.

Quelle: RP
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