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Nettetal
Was Jugendliche über Flüchtlinge denken

Nettetal: Was Jugendliche über Flüchtlinge denken
FOTO: Thinkstock
Nettetal. Laut Shell-Jugendstudie wünscht sich jeder dritte Jugendliche weniger Flüchtlinge. Unsere Redaktion besuchte Mädchen und Jungen im Jugendzentrum Arche. Von Ludger Peters

Younice stutzt einen Augenblick, dann beginnt er zu überlegen und schüttelt schließlich den Kopf. "Nein", sagt er nachdenklich. "Darüber haben wir zu Hause noch nicht gesprochen. Das hat noch nie eine Rolle gespielt." Younice hat marokkanische Wurzeln, er ist aber in Deutschland geboren und in Nettetal aufgewachsen. Zusammen mit knapp einem Dutzend anderer Jugendlicher sitzt er jetzt in einem Raum des Jugendzentrums Arche und lässt sich ausfragen über das Verhältnis junger Nettetaler zu den Flüchtlingen in der Stadt.

Die Frage, die den selbstbewussten Jugendlichen einen Augenblick aus dem Konzept brachte, wäre naheliegend in diesen Tagen. Aber in den Sinn gekommen ist sie ihm von selbst nicht. "Deine Familie stammt aus Marokko. Wie war das eigentlich damals, als dein Vater nach Deutschland kam und er sich auf eine ganz andere Welt einstellen musste?" Nicht nur Younice ist damit überfragt. Sevket, deren Familie ursprünglich in der Türkei lebte, wäre nie auf die Idee gekommen, ihren Eltern diese Frage zu stellen. Sie ist, wie Younice, in diese Gesellschaft hineingeboren worden und hier aufgewachsen. Sie gehört hier dazu, und die Flüchtlinge empfindet sie zunehmend als Belastung.

In der Shell-Jugendstudie 2015 sprachen sich 39 Prozent der Zwölf- bis 25-Jährigen dafür aus, dass künftig genauso viele Menschen aus dem Ausland zuwandern dürfen wie bisher. 15 Prozent der Befragten befürworteten sogar mehr. Zum Vergleich: 2006 sprachen sich noch 58 Prozent dafür aus, Zuwanderung zu verringern. Aktuell wünschte sich jeder dritte Jugendliche weniger Flüchtlinge in Deutschland.

Sevket beschwert sich gleich zu Beginn der Runde darüber, dass "so viele jetzt hier herumlaufen und einen so angucken. Na ja, sie gucken eben, das ist lästig". Ja, fügt sie hinzu, sie sei froh, endlich einmal dazu ihre Meinung sagen zu können. Sie ist sicher, dass "die" vor allem "nur das Eine" wollen. Einer sei ihr einmal bis zur Haustüre nachgelaufen und habe frech gefragt, ob sie allein sei. Zwei, drei Mädchen nicken. Das hätten sie so ähnlich auch erlebt. Andere schütteln die Köpfe. Sie halten die Darstellung für übertrieben.

Es habe sich etwas geändert in den vergangenen Wochen, meinen die jungen Frauen, die sich belästigt fühlen. Anfangs waren sie neugierig auf die Neuankömmlinge. Es gab zaghafte Kontakte bei zufälligen Begegnungen. Die Flüchtlinge seien durchweg zurückhaltend gewesen. Aber jetzt sei das anders. Unverschämtheiten nähmen sich manche heraus, im Ingenhovenpark fühlen sich Sevket oder Anna Lena nicht mehr ganz so sicher.

Younice und Robbie widersprechen ihr. "Euch gucken doch alle hinterher, und das gefällt euch doch, wenn ihr ehrlich seid", sagt Younice. Jetzt so zu tun, als ginge von Flüchtlingen generell eine Gefahr aus, sei unfair, fügt Robbie hinzu. Für ihn sind die Neuankömmlinge bisher kein Problem. Die Jugendlichen wissen nur wenig über die Flüchtlinge. Klar, ihre Herkunft aus Syrien, Irak, Afghanistan und ein paar afrikanischen Ländern sowie aus Albanien - das wissen sie. Aber die Hintergründe der Flucht sind allen eher vage klar. Krieg und wirtschaftliche Not, so viel wissen sie, sind die Treibsätze für die lange Flucht. Vorgestellt hat sich niemand in der Runde, wie es ist, quer durch die Türkei, übers Mittelmeer und die Balkanroute bis nach Deutschland zu gehen. Darüber haben sie mit keinem der Fremden gesprochen. Kontakte haben sie kaum. Hier und da mal in der Schule, aber nicht auch nach dem Unterricht.

Die Jugendlichen beginnen zu erzählen, was "man sich so erzählt" in einigen Kreisen. Die Stadt schenke Flüchtlingen Handys. Überhaupt bekämen die alles geschenkt, wofür andere arbeiten müssten. Ob sie solche Geschichten glauben, sagen sie nicht. In der Schule ist zwar das Thema Flüchtlinge angesprochen worden. Aber damit hatte es sich. Hat jemand mal mit ihnen über die Lebenswirklichkeit der Flüchtlinge gesprochen? Darüber, dass nicht wenige seit Monaten schon zum Nichtstun verurteilt sind, keine Intimsphäre außer einem Feldbett haben und keine Perspektive sehen? Das Vorstellungsvermögen und der Wille, sich weiter damit zu befassen, enden für die meisten an dieser Stelle. Das gilt auch für die Frage, wie Flüchtlinge integriert werden könnten. "Ich finde, es sind inzwischen einfach zu viele", sagt eines der Mädchen.

Quelle: RP
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