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Nettetal
Wo die Schüler bürsten und meißeln

Nettetal. Im Steinmetzbetrieb Visé in Kaldenkirchen bekommen Hauptschüler Einblicke in die Arbeitswelt. Unter Anleitung dürfen die Jugendlichen dort auch gleich selbst ausprobieren, mit schwerem Gerät Steine zu bearbeiten Von Joachim Burghardt

Wasser spritzt, eine Sägemaschine kreischt, Hammerschläge dröhnen, Staub wirbelt auf: Nicht gerade das Ambiente, das üblicherweise junge Leute anlockt. Und doch sind die meisten Hauptschüler fasziniert, die an diesem Morgen im Steinmetzbetrieb Visé in Kaldenkirchen hautnah erleben, wie Grabmale bearbeitet oder Steinplatten beschnitten werden. Und bei Meister Hans-Jürgen Visé dürfen einige Jungen und Mädchen sogar selbst mit anpacken.

"Das ist gar nicht so einfach und ein bisschen anstrengend, aber es macht echt Spaß", meint Helena. Geschützt mit einer dicken Schürze, die Ärmel ihrer Bluse hochgeschoben, bürstet sie mit einem Schleifgerät über eine Steinplatte, natürlich nicht allein: Behutsam zeigt ihr Mitarbeiter Michael Dombrowski, wie die die rotierenden Bürsten richtig über die Steinkante gleiten. Wasser spritzt zwischen den Borsten heraus, spült den feinen Steinstaub weg.

Um Helena herum stehen ihre Mitschüler und staunen, als die Steinplatte mehr und mehr Glanz annimmt. Mittendrin Detlef Tiegs, der Lehrer nickt anerkennend über Helenas Schleifkunst und fragt in die Runde: "Möchte noch jemand?" Doch die Jugendlichen zieren sich, zögern, bis sich der nächste traut.

"Für die Schüler ist das hier etwas ganz Neues, aber genau darum geht es ja in unserer Projektwoche für die Jahrgangsstufen. Sie sollen verschiedene Lebens- und Arbeitsbereiche kennenlernen, um dann selbst aktiv zu werden", erläutert Tiegs. Seine Gruppe werde nach dem Besuch Ytong-Steine bearbeiten - und holt sich dafür Anleitungen und Tipps. Wobei Ytong wesentlich weicher ist als die Steine sonst bei Visé, Marmor und Granit beispielsweise.

Meister Visé demonstriert derweil am anderen Ende der Werkhalle, wie man eine Brückensäge steuert: Am Schaltpult gibt er genaue Maße ein, und langsam senkt sich die stählerne Apparatur über eine Steinplatte, die Kreissäge fährt heraus und frisst sich kreischend durchs harte Material. Während die Schüler gebannt zuschauen, wie die Platte mehr und mehr Gestalt annimmt, erklärt der Meister: "Unser Beruf ist vielseitig, harte Arbeit gehört dazu, aber durchaus auch Künstlerisches." Für Schüler nimmt sich Visé "immer gern mal Zeit", er schränkt indes ein: "So ein Gruppenbesuch muss zeitlich in die Arbeitsabläufe passen, das geht nicht immer." Gelegentlich komme es auch vor, dass sich ein Schüler hinterher melde, nach einem Praktikum frage, sich für Handwerk und Kunsthandwerk interessiere.

In der Mitte der Halle stehen einige Schüler um eine fast fertige Grabplatte für ein Urnengrab: "Sowas kommt auf den Friedhof, das kenn ich vom Grab meiner Oma", flüstert ein Mädchen, die anderen weichen ein Stück zurück, das Thema scheint ihnen nicht vertraut. Tiegs lächelt: "Das ist ja eine Stärke unserer Hauptschule, dass sie an die Berufswelt und an die verschiedenen Lebensbereiche heranführt." Dass die Kaldenkirchener Einrichtung ein Auslaufmodell sei und ab dem nächsten Schuljahr keine Fünftklässler mehr aufnehme, ändere daran nichts.

Ein paar Meter weiter dürfen Schüler sich unter Anleitung von Steinmetz Marco Mooren im Gravieren üben, meißeln Buchstaben in einen Stein. Probleme gibt's dabei mit der Schutzbrille, die auf den Kinderköpfen nicht so recht halten will. Mooren lächelt: "Okay, dann jeder nur mal kurz, aber beim Sandstein kann eigentlich nichts passieren, ich passe schon auf."

Quelle: RP
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