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Nettetal
Zurück blieb nur ein Stück Glas

Nettetal. Nettetaler Gesamtschüler wollen an die 1939 niedergebrannte Synagoge der jüdischen Gemeinde in Breyell erinnern. Sie stand einst an der Biether Straße. Viel später wurde auf dem Grundstück eine Tankstelle errichtet. Von Dominique Schroller

Sie von einem Tag auf den anderen aus dem Stadtbild verschwunden. In diesem Jahr wäre sie 100 Jahre alt geworden, doch kein Stein, kein Schild, keine Tafel erinnert an die jüdische Synagoge, die an der Biether Straße gestanden hat. Nachdem die Nationalsozialisten den Ziegelbau in der Reichspogromnacht vom 9. auf den 10 November 1933 niedergebrannt haben, ist mit der Zeit auch die Erinnerung geschwunden.

Von dem verheerenden Feuer sind nur eine Glasscheibe und eine kurze Zeitungsnotiz übriggeblieben", berichtet Pia Erbrath. Die Schülerin der Gesamtschule Breyell hat mit Klassenkameraden der Jahrgangsstufe zehn dem Vergessen den Kampf angesagt. Sie haben die Synagoge wiederentdeckt und engagieren sich in einer Arbeitsgemeinschaft dafür, sie in das Gedächtnis der Gemeinde zurückzuholen. "Unser Ziel ist, dass wir wenigstens eine Gedenktafel aufstellen können. In Lobberich und Kaldenkirchen gibt es das auch", betont Meike Niemeyer. Sie hat sich bewusst um die Teilnahme in der Arbeitsgruppe beworben, weil es ihr wichtig ist, dass es an Orten wie der ehemaligen Synagoge Mahnmale gibt. "Vielleicht auch als ein kleines Stück Wiedergutmachung."

Symbol für den Terror

Die Schüler haben sich im Geschichtsunterricht intensiv mit dem Nationalsozialismus auseinandergesetzt. Das verschwundene Gotteshaus im Ort ist für sie zum Symbol für den Terror gegen die Juden geworden. Im Archiv in Kempen und in Gesprächen mit Zeitzeugen haben sie sich auf den Weg in die Vergangenheit gemacht. "Wir wollen den jüdischen Opfern ein Gesicht geben", sagt Tobias Born.

Bei ihren Recherchen haben die Schüler herausgefunden, dass 1929 noch 26 Juden in Breyell gewohnt haben. "Sie sind bis auf einen alle deportiert worden und umgekommen", berichtet Pia Erbrath. Einzige Ausnahme ist der Viehhändler Jakob Klaber. Er floh in die Niederlande geflohen und wanderte nach Amerika aus. "Wie uns eine Freundin der Familie erzählt hat, ist er später nach Venlo zurückgekehrt. In Breyell konnte er aufgrund der vielen schmerzhaften Erinnerungen nicht mehr leben", sagt Pia Erbrath. Sie hat mit der Gruppe Kontakt zu Klabers Sohn Jack aufgenommen, der in Israel lebt.

Die Spurensuche ist für die Schüler nicht einfach. Sie haben im Archiv zwar Dokumente zusammen getragen, doch einige ihrer Fragen blieben unbeantwortet. "Viele ältere Leute wollten mit uns nicht über das Thema reden. Sie haben die Vergangenheit verdrängt", erzählt Tobias Born. Camilla Knops konnte selbst ihrer Oma nur wenige Informationen entlocken. "Sie hat damals in Bracht gewohnt und konnte sich nur noch erinnern, dass sich viele Juden auf den benachbarten Bauernhöfen versteckt haben."

Geschichte erleben und durch eigenes Engagement mitprägen, das ist für Christian Hlawa, der das Projekt als Lehrer begleitet, ein Ziel der Arbeitsgemeinschaft. "Die Schüler merken, dass sie Einfluss nehmen können, wenn ihnen die Idee mit der Gedenktafel gelingt." Zunächst wollen sie den Platz der alten Synagoge genau vermessen. "Damit wir genau wissen, wo sie gestanden hat", sagt Meike Niemeyer. Mit der Gruppe will sie sich noch mindestens bis zum 21. Oktober, dem 100. Geburtstag des Gotteshauses, für das Erinnern einsetzen.

Quelle: RP
 
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