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Nettetal
Zwei Synagogen zerstört
Nettetal: Zwei Synagogen zerstört
Auf dem „alten“ jüdischen Friedhof an der Ecke Jahn-/Frankstraße hat der Bürgerverein vor wenigen Jahren Gedenksteine mit den Namen der im Dritten Reich umgekommenen Juden aufstellen lassen. FOTO: RPO
Nettetal. Im Zuge des Pogroms gegen die Juden vor 70 Jahren wurden am 9. und 10. November 1938 jüdische Gotteshäuser in Breyell und Kaldenkirchen in Trümmer gelegt. Kaldenkirchen hat eine Gedenktafel, in Breyell fehlt die Erinnerung. Von Ludger Peters

Am Morgen des 7. November 1938 lieferte der 17-jährige Herschel Grynszpan, ein in Paris lebender Emigrant aus Hannover, dem NS-Gewaltregime in Deutschland den Vorwand für das zwei Tage später folgende Pogrom gegen die Juden im „Dritten Reich“. Er verübte ein Attentat auf den deutschen Legationsrat Ernst von Rath, der am 9. November 1938 gegen 16.30 Uhr an den Folgen starb.

Nach neuesten Forschungsergebnissen hat Adolf Hitler selbst die Pogrome befohlen und dafür gesorgt, dass sich die Polizei überall zurückzog, damit das „Volk nun handeln“ konnte, wie Propagandaminister Joseph Göbbels in seinem Tagebuch festhielt. Einen Tag später erstattete er Hitler, der sich wegen der Gedenkfeier für die Toten des Marschs auf die Feldherrenhalle am 9. November 1923 mit der Parteiführung in München aufhielt, in der „Osteria“, einem Restaurant in der Schellingstraße (hier ist bis heute ein Restaurant), Bericht.

Zu diesem Zeitpunkt stand in Kaldenkirchen noch die Synagoge der jüdischen Gemeinde unversehrt da. Sie wurde erst nachmittags am 10. November zerstört. SA-Leute und ihre willfährigen Helfer schreckten davor zurück, das 1873 errichtete Gebäude in Brand zu stecken. In der engen Bebauung wäre der Stadtkern Kaldenkirchens in Flammen aufgegangen.

Der damals 13-jährige Hanns Backes, später Landrat des Kreises Viersen, schilderte im Februar 1986, wie er die Zerstörung der Synagoge erlebte. Anlass war seinerzeit die Anbringung der Gedenktafel nahe dem einstigen Standort der Synagoge an der Außenwand der Baugesellschaft Nettetal durch Landesrabbiner Hochwald. „Wir standen damals fassungslos vor den Menschen, die hier Hand anlegten“, so Backes. Er kam gerade von Mönchengladbach, wo er die Schule besuchte. Auf dem Weg dorthin hatte am Morgen die Station für Station zusteigenden Schüler untereinander erzählt, wie Synagogen in ihren Heimatorten in Flammen aufgegangen und Geschäfte und Wohnhäuser jüdischer Bürger das Ziel von Zerstörung, Brandschatzung und Plünderung geworden waren. Die Ruine der Kaldenkirchener Synagoge, deren Dachstuhl durchgesägt und zum Einsturz gebracht worden war, wurde erst in den 1950er-Jahren abgetragen. Die Umrisse des Gebäudes sind nach Unterlagen aus Nettetals Stadtarchiv im Boden eingelassen.

Über die Zerstörung der zweiten Synagoge auf Nettetaler Stadtgebiet, in Breyell, ist kaum etwas bekannt. Sie stand an der heutigen Biether Straße etwa dort, wo früher die Waschhalle der Tankstelle AJL errichtet wurde. Der zynische Umgang der Machthaber mit den Juden kann den Akten entnommen werden. Für die Beseitigung der Trümmer wurde die jüdische Gemeinde herangezogen. Grundstückseigentümer Jakob Klaber, der die ihm auferlegten Kosten nicht begleichen konnte, „trat“ die Fläche am 20. März 1940 an die Gemeinde Breyell ab. FRAGE DES TAGES

Quelle: RP
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