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Neukirchen-Vluyn
An diesem Stammtisch spricht man Platt

Neukirchen-Vluyn: An diesem Stammtisch spricht man Platt
Gerda und Heinz Marten tragen beim Plattdeutschen Stammtisch Gedichte und Prosatexte vor - manche ernst, manche komisch. Viele der Mundartfreunde, die sich in der kalten Jahreszeit einmal im Monat treffen, haben das Platt noch von den Eltern übernommen. Doch bereits in der Schulzeit drängte sich das Hochdeutsche in den Vordergrund. FOTO: Christoph Reichwein
Neukirchen-Vluyn. Einmal im Monat treffen sich Frauen und Männer, die ihre Mundart pflegen möchten, zum Plattdeutschen Stammtisch des Heimatvereins Vluyn. Dort werden unter anderem Gedichte und "Vertellstöckskes" zum besten gegeben. Von Stefan Gilsbach

"Schöttelplack" - "Ärpelschlaat" - "Strunzbuel". Wem diese Worte etwas sagen, der könnte wohl mithalten beim Plattdeutschen Stammtisch, zu dem der Heimat- und Verkehrsverein Vluyn derzeit wieder einlädt. Einmal im Monat treffen sich dann Freunde der Mundart, um "Gedechte" und "Vertellstöckskes" anzuhören und sich im vertrauten Idiom zu unterhalten. Diese Stammtische finden nur während der kalten Jahreszeit statt. "Im Sommer fahren wir Fahrrad", sagt Wilhelm Kölscheid. Ach ja: ein "Schöttelplack" ist ein Spültuch, der "Ärpelschlaat" ein Kartoffelsalat und "Strunzbuel", so nennt man in Vluyn und Umgebung einen Aufschneider, für den auch mal der Ausdruck "Prootsack" fällig sein könnte, das heißt "Schwätzer". Bei der Schreibweise der Wörter sind die Plattfreunde nicht streng. "Das ist von Ortschaft zu Ortschaft verschieden", heißt es. Und ja, das Vluyner und das Neukirchener Platt seien in Nuancen unterscheidbar, auch wenn beide als "Grafschafter Platt" gelten.

Den Platt-Stammtisch gibt es seit Jahrzehnten, hier in den Dürer-Stuben trifft man sich seit 1985. Zehn bis 20 Personen kommen in der Regel, an diesem Abend sind es 16, spätere Gäste trudeln noch ein. Zwischen den lebhaften Gesprächen erklingt ab und zu ein Glöckchen, dann liest das Ehepaar Gerda und Heinz Marten Gedichte und Prosa vor - Texte zum Herbst, über Trachten und eine Geschichte, in der eine defekte Kuckucksuhr und Rizinusöl wichtige Rollen spielen. Es wird herzhaft gelacht.

Die Frauen und Männer, die hier zusammenkommen, sind meist noch mit der Mundart aufgewachsen. Ihre Kinder beherrschen sie kaum noch. Es ist kein Geheimnis, dass die Pflege der plattdeutschen Sprache in den Händen der Älteren liegt. Der jüngste Jahrgang in der Runde ist 1951, der älteste 1933. Warum geht die Mundart verloren? Teilweise wegen der Schule, sagen gleich mehrere. "Die Kinder wurden angehalten, Hochdeutsch zu sprechen, damit sie keine Probleme in der Schule kriegten", erinnert sich Wilhelm Kölscheid.

Immerhin: Wenn die beiden Heimatvereine ihren Mundart-Nachmittag veranstalten, kommen immer noch viele Zuhörer, allerdings sind die meisten mehr als 50 Jahre alt. "Bis 2009 haben wir auch noch plattdeutsches Theater gespielt", berichtet Heinz Marten. Dafür wurden beispielsweise hochdeutsche Stücke in Grafschafter Platt umgeschrieben. Doch auch für diese Auftritte fehlt inzwischen der Nachwuchs.

Friedrich Hochkamer pflegt seine private Mundart-Initiative: "Ich gehe regelmäßig in Seniorenheime und mache mit den alten Menschen ein Mundart-Quiz. Ich lese Worte vor und sie sagen mir die Bedeutung, das kommt sehr gut an." Manche Mundartfreunde, so heißt es, gehen auch in Schulen und versuchen den Kindern und Jugendlichen das Platt zu vermitteln. Ob dies das Schwinden der Mundart aufhalten kann? Die meisten sind skeptisch.

Bis auf weiteres kann man in den Dürer-Stuben aber noch echtes Platt aus Vluyn und Neukirchen hören - diese Gelegenheit gibt es erneut am 9. November, 19.30 Uhr.

Quelle: RP
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