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Neukirchen-Vluyn
Der Mutmacher aus dem Hartz-IV-Viertel

Neukirchen-Vluyn: Der Mutmacher aus dem Hartz-IV-Viertel
Der Kölner Geistliche fesselte mit seinen Ausführungen die Besucher des Neujahrsempfangs - Neujahr, weil mit dem Advent traditionell das Kirchenjahr beginnt. FOTO: Klaus Dieker
Neukirchen-Vluyn. Pfarrer Franz Meurer aus Köln riss die Gäste beim Neujahrsempfangs des Neukirchener Erziehungsvereins mit. Von Peter Gottschlich

Franz Meurer liebt es, seines Namensbruder Papst Franziskus zu zitieren, der gesagt haben soll, notfalls seien die Menschen auch mit Worten zu überzeugen. Dann wiederholt der Kölner Pfarrer immer das Wort notfalls, so wie am Samstagmittag in Neukirchen-Vluyn, weil es für ihn andere Weg gibt. Dort sprach er in der Aula des Berufskollegs an der Heckrathstraße, in die der Neukirchener Erziehungsverein zu seinem Neujahrsempfang eingeladen hatte, wie jeden Samstag vor dem ersten Advent, mit dem das neue Kirchenjahr beginnt. Und 200 geladene Besucher hingen ihm an seinen Lippen.

Erzählt doch der Pfarrer in Eifeldeutsch, das er mit kölschem Akzent spricht, aus dem wahren Leben. Das pulsiert in Vingst und Höhenberg, wo seine Pfarrgemeinden St. Theodor und St. Elisabeth liegen. Es ist ein Leben im Armenhaus der Domstadt, einem sozialen Brennpunkt. "Ein Viertel der Menschen lebt von Hartz-IV", berichtet der 66-jährige Kölner. Sein Motto lautet: "Der Herrgott hat kein Ding gemacht, dass es so schlecht ist, dass es nicht für irgendetwas gut ist." So sieht er die Talente von Förder- und Hauptschülern. "Sie wissen, dass sie ohne Hilfe im Leben nicht klar kommen", stellt er fest. "Nur wenn man einander hilft, kommt man durch Leben. Dieses Wissen ist eine Qualität. Sie können besonders gut helfen." So erzählt er von einem Projekt, in dem Jugendliche in Altenheimen und Krankenhäusern eine Ausbildung zu unterstützenden Pflegern begonnen haben. Er zeigt einen vierminütigen Filmausschnitt, der eine Auszubildende portraitiert, deren Gesicht vor Glück strahlt, weil sie eine Chance erhalten hat, für die sie alles gibt, während die Pflegeleiterin berichtet, wie motiviert sie sei und keine Fehlzeiten habe. Der WDR, zu dem er einen Draht hat, drehte diesen Film. Meurer hat ein Netzwerk geknüpft, zu dem die Arbeitsagentur, Unternehmen, Sozialverbände und und Religionsgemeinschaften gehören. Auch zum Erziehungsverein, der im Sozialraum im Kölner Osten aktiv ist

"Ich gebe nur Ideen weiter", betont der Pfarrer, der immer wieder Anekdötchen in seine Vorträge einbaut. Oft verbindet er diese Ideen mit Geldspenden, die seine Kirchengemeinden erhalten. Dazu gewinnt er mit seiner Begeisterung Freiwillige, die, wie eine Frau in einem zweiten Filmausschnitt erzählt, lieber drei Wochen lang beim Sommerferienlager Hö-Vi-Land mithelfen, als mit ihrem Mann nach Kroatien in die Sonne zu fliegen. "Jeder hat Zugang", lautet sein Motto, das nicht nur für dieses Ferienlager gilt. Damit es sich alle leisten können, liegt der Beitrag bei nur 15 Euro pro Kind und Woche - inklusive Essen und Trinken. Der Rest wird von Sponsoren getragen. Bei Gemeindefesten ist alles umsonst. "Barmherzigkeit beginnt beim Einzelnen", sagt Franz Meurer.

Quelle: RP
 
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