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Neukirchen-Vluyn
Freie Bahn für die BSG-Bossler!

Neukirchen-Vluyn: Freie Bahn für die BSG-Bossler!
Bossel-Training bei der BSG: (von links) Hans-Werner Drymalla, Ute Bachhäubl, Erika Wagner, Manfred Rogoll, Vereinsvorsitzender Winfried Drnec und Angelika Drymalla. Aus der Bosselgruppe fehlen Karin Nietschke, Bärbel Huske und Peter Waschek. FOTO: KLaus Dieker
Neukirchen-Vluyn. Der Bossel, das sind vier bis viereinhalb Kilo massives Holz, zu einer abgeflachten Halbkugel gedrechselt und mit einem Griff versehen. Und dieses Geschoss fliegt nun durch die Turnhalle der Pestalozzi-Schule, um mit einer Riesenbumms auf dem Boden zu krachen und mit Getöse weiter zu purzeln. Mir wird's heiß und kalt. Hoffentlich hält der Boden! Von Josef Pogorzalek

Um mich herum, belustigt-mitleidig blickend (so kommt es mir vor), stehen Mitglieder der Bosselgruppe der BSG Neukirchen-Vluyn. Die gibt es jetzt seit 25 Jahren. Und Erika Wagner, Bosslerin der ersten Stunde, zeigt mir, wie es richtig geht. Die 79-Jährige greift den Bossel, schwingt ihn, als wäre er federleicht, nimmt etwas Anlauf, geht etwas in die Hüfte und lässt das Holz an einer roten Linie los. Der Bossel, dessen Unterseite mit Borsten versehen ist, gleitet sanft über den Boden, bis er fast ein zehn Meter entferntes rote Klötzchen - die Daube - erreicht. Perfekt!

25 Jahre Bosseln in Neukirchen-Vluyn, wenn das kein Anlass ist, sich den Sport mal näher anzusehen. Nach dem Selbstversuch ist mir klar: Ein Bossler wird aus mir nicht. Dabei kann die Truppe Verstärkung gebrauchen. "Als wir angefangen haben, hatten wir noch drei Frauen- und zwei Herrenmannschaften", erzählt Erika Wagner. Ein Team, das sind jeweils drei Bosslern und ein Boss, also der Mannschaftsführer, der nicht mitbosselt, sondern hinter der Daube steht und seinen Leuten Tipps gibt. Heute besteht die Bosselabteilung aus insgesamt fünf Frauen und drei Männern. Obfrau Ute Bachhäubl ist mit 56 die Jüngste im Bossel-Bunde. Sie glaubt, dass der Vereinsname BSG, also Behindertensportgemeinschaft, viele Menschen abschreckt. "Das bricht uns das Genick." Insgesamt 118 Mitglieder habe der Verein derzeit. "Früher waren wir mal über 300." Dabei lasse sich bei der BSG der Körper auf vielerlei Weise ertüchtigen: mit Wasser- und Osteoporosegymnastik, Bogenschießen, Rehasport . . .

Und Bosseln natürlich. Schön ist dabei, dass Herren und Damen es gemeinsam ausüben können; sie dürfen einfach aus unterschiedlicher Distanz auf die Daube zielen. Und es glaube niemand, dass dies kein "richtiger" Sport sei. Wer bosselt, trainiert Kraft, Koordination und, ja, auch die Ausdauer. "Man kommt ins Schwitzen, und das nicht zu wenig", weiß Winfried Drnec, der selbst allerdings das Bogenschießen dem Bosseln vorzieht. Dass Erika Wagner sich mit ihren 79 Jahren topfit fühlt und vor Lebensfreude strahlt - das Bosseln wird daran nicht ganz unschuldig sein. "Ich möchte es nicht mehr missen. In den Ferien fehlt mir was."

In den Schulferien, wenn die Turnhalle normalerweise geschlossen ist, machen nämlich auch die Bossler Pause. Nur für uns, die RP, machen sie eine Ausnahme. Außerhalb der Ferien trainiert die Gruppe jeden Dienstag von 17 bis 20 Uhr in der Turnhalle der Pestalozzi-Schule. Und hinterher geht es gemeinsam ins nahe Vereinsheim, die nicht minder wichtige Geselligkeit trainieren. Regelmäßig treten die Neukirchen-Vluyner gegen Bossler aus Kamp-Lintfort, Moers, Duisburg-Rheinhausen und anderen Städten an. Einmal im Jahr spielen die Teams den Niederrhein-Pokal aus. "Wir haben ihn schon oft gewonnen", sagt Ute Bachhäubl stolz.

Eigentlich hat das Bosseln (mit einem kurzen, offenen O, wie in Don) nur einen Nachteil: Wer den Sport betreibt, muss ihn ständig anderen erklären. Meist wird er nämlich mit dem ostfriesischen Bosseln (oder Boßeln) verwechselt, das mit einem geschlossenen O (wie in Donau) ausgesprochen und mit Kugeln auf Wegen und Straßen gespielt wird. "Wir sagen immer: Bosseln ist wie Eisstockschießen ohne Eis", erklärt Ute Bachhäubl. Danke, ich glaub jetzt hab ich's.

Kontakt: Ute Bachhäubl, 0177 3847880

Quelle: RP
 
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