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Neukirchen-Vluyn
Für ein Buch das eigene Leben erzählt

Neukirchen-Vluyn. Im Willy-Könen-Seniorenzentrum in Neukirchen sind alte Menschen für ein biografisches Projekt über ihre Lebensgeschichte befragt worden. Entstanden ist ein eindrucksvolles, oft bewegendes Buch. Von Stefan Gilsbach

"Ich bin 1934 in Neukirchen, als das fünfte von sieben Kindern, geboren [...] Hinter dem Haus war ein großer Garten mit ein paar Obstbäumen, Gemüse, Hühnern, Kaninchen, ein Stall mit einem Schwein, ein Hund und eine Katze [...] Wir lebten damals irgendwie freier als die Kinder heute, wir sind nicht so bemuttert worden." So erzählt Herr B., einer der Bewohner des Willy-Könen-Seniorenzentrums der Awo, aus seiner Jugend. Er ist einer von zehn alten Menschen, die an einem ungewöhnlichen Biografie-Projekt der Einrichtung teilgenommen haben. Marion Alosery vom Sozialen Dienst führte mit den Bewohnern Interviews über ihr Leben. "Manche waren anfänglich zögerlich, doch dann wurden sie mit der Zeit offener." Die eindrucksvollen Gespräche sind nun gesammelt worden in einem Buch "Das bin ich - Lebensgeschichten und Lebensbilder".

Wie entstand diese Idee? Marion Alosery muss dazu weiter ausholen: "Wenn die Menschen zu uns kommen, verlassen sie ihre gewohnte Umgebung, das heißt, sie müssen eine gewisse Trauerarbeit leisten." Da helfe es, sich an Zeiten zu erinnern, in denen man ebenfalls schwere Situationen bewältigt habe. Die Beschäftigung mit der eigenen Biografie sei, selbst wenn es sich um schmerzliche Erinnerungen handle, letztlich eine gute Sache. "Außerdem zeigt man den Menschen auf diese Weise, dass ihr Leben gewürdigt wird, dass es interessant für andere Menschen ist."

Über einen Zeitraum von anderthalb Jahren führte Marion Alosey die Gespräche. Natürlich spielen die Jahre des Zweiten Weltkrieges und die anschließende Notzeit eine große Rolle. "Es ist bewegend, wenn Frauen offen davon sprechen, dass sie beispielsweise vergewaltigt wurden." Der veröffentlichte Wortlaut der Interviews wurde mit den Senioren jeweils abgestimmt. Alosery stellt klar: "Es geht um die persönliche Wahrheit der Menschen, nicht um die historische Wahrheit." In Folge der Interviews habe sich in der Einrichtung übrigens regelrecht eine neue "Erzählkultur" etabliert.

Susanne Koß, Pflegedienstleiterin und Stellvertreterin von Heimleiterin Marina Schoofs, berichtet: "Die Menschen waren sehr stolz, als sie das gedruckte Buch sahen." Auch in anderen Senioren-Einrichtungen sei man auf das Buch aufmerksam geworden und habe sich beeindruckt gezeigt. Parallel haben die Mitarbeiter im Willy-Könen-Seniorenzentrum ein "Memorybuch" entwickelt. In diesem Buch können die Senioren eintragen, was ihre Persönlichkeit ausmacht, ihre Vorlieben etwa. Das ist nicht zuletzt vor dem Hintergrund einer möglichen Demenz in späteren Jahren eine wertvolle Hilfe, um sich nicht selbst zu verlieren.

Manche Senioren sind in dem Buch "Das bin ich" in eindrucksvollen Foto-Porträts von Marina Schoofs abgebildet, andere nur im Scherenschnitt. Auch das Ehepaar M. ist für das Buch interviewt worden. Nachdem die beiden alten Menschen ihr gemeinsames Leben haben Revue passieren lassen, zieht die Ehefrau eine bewegende Bilanz: "Ich bin zufrieden und stolz mit dem, was ich aus meinem Leben alles aus eigener Kraft gemacht habe. Ich glaube, wir haben das gut gemacht."

Quelle: RP
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