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Neukirchen-Vluyn
Gute Nachbarschaft hält schon ein Jahrhundert

Neukirchen-Vluyn: Gute Nachbarschaft hält schon ein Jahrhundert
Diese beiden kleinen Mädchen besuchten "Opa und Oma", wie sie in der alten Zeit der Kolonie ausgesehen haben könnten. FOTO: Christoph Reichwein
Neukirchen-Vluyn. 1917 entstand die Bergarbeitersiedlung in Neukirchen. Mit einem Sommerfest feierten die Einwohner das Jubiläum ihres Viertels. Von Sabine Hannemann

Drei Monate plante das Orgateam um Lisa Wannenmacher und Jürgen Gratz (beide NV Auf geht's) dieses Fest. Statt ihres Sommerfestes rückten sie die Kolonie und ihre Entstehungszeit in den Mittelpunkt. Ein Jahrhundert jung wird die "Alte Kolonie", die von 1917 bis 1923 am Zechenstandort Niederberg, Schacht I, in Neukirchen-Vluyn erbaut wurde. Bergarbeiter und ihre Familien kamen zunächst aus Oberschlesien und fanden dort Wohnraum in der Nähe ihres Arbeitsplatzes.

"Wir haben mit dem Weddigenplatz einen wunderschönen Platz zum Feiern, der schon damals Treffpunkt und Ort für nachbarschaftliches Leben und Zusammengehörigkeit war. Vergessen darf man nicht, dass auch das Alltagsleben von Hierarchien der Bergleute untereinander bestimmt wurde", sagte Jürgen Gratz.

An der nachbarschaftlichen Hilfe und Solidarität untereinander hat sich bis heute nichts geändert, wie an den langen Tischen zu hören war. Kaffeetafel und Grill verwöhnten die Gäste. Für die Kinder gab es Spielstationen mit alten Spielen, wie sie schon um 1917, der Geburtsstunde der Siedlung, gespielt wurden. Zu den weiteren Programmpunkten gehörten unter anderem Musik und Tanz. Im Mittelpunkt stand am Nachmittag eine Führung mit dem ehemaligen Stadtarchivar Peter Pechmann, der auf die Besonderheiten der Häuser aufmerksam machte. Denn zum Wohnumfeld gehörte Gartenland für die Selbstversorgung. Es sorgte zugleich für einen Ausgleich der körperlich schweren Arbeit auf dem Pütt. "Über das Interesse freue ich mich", sagte Pechmann, der trotz Regens einer großen Gruppe die baulichen Besonderheiten mit drei Haustypen im denkmalgeschützten Quartier erläuterte.

Der Schirmherr des Festes, Roland Günter, lobte vor allem den guten Zustand der Häuser. "Hier ist die nach englischem Vorbild erbaute Gartenstadt sehr gelungen, anders als in England selbst. Sie steht zugleich für den Übergang der ländlichen Strukturen zur Industrialisierung. Wir haben es mit einem industriekulturellen Biotop mit fantastischem Alleenbestand zu tun", erklärte Günter, der zugleich als Stadtplaner und Bauhistoriker aktiv ist und wesentlich im Ruhrgebiet mit Bürgerinitiativen zur Erhaltung alter Bergbausiedlung beigetragen hat. Den Bau von Bergarbeitersiedlungen bezeichnete er als einen der größten Erfolge innerhalb der Reformbewegung um 1920.

Zu den Gratulanten gehörte Bürgermeister Harald Lenßen. Er betonte die städtebauliche Wichtigkeit der Alten Kolonie, die zugleich ein prägendes Element für den Aufbau einer Stadt gewesen sei. Fünf Kolonien bestimmen noch heute das Stadtbild, sie sind bauhistorische Zeugen einer ehemaligen Zechenstadt. "Zugleich sind diese Siedlungen eine Attraktion, die es für die Stadtwerbung zu nutzen gilt", so Günter.

Ulla Wannenmacher: "Im Herbst erscheint eine kleine Chronik zum Werdegang und zum Alltag in der Alten Kolonie. Wir haben Zeitzeugen gefunden, die uns aus ihrem Leben erzählt haben."

Quelle: RP
 
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