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Neukirchen-Vluyn
Kultur in Schlachthaus und Wurstküche

Neukirchen-Vluyn: Kultur in Schlachthaus und Wurstküche
In der ehemaligen Wurstküche: (von links) HVV-Vorsitzender Peter Bours, Stadtführerin Heide Schmitt, Barbara Mevissen, Stadtführer Peter Pechmann, Ulrike Reichelt. FOTO: Klaus Dieker
Neukirchen-Vluyn. Die Räume der 2013 geschlossenen Fleischerei Mevissen sollen für Ausstellungen, Lesungen und Konzerte genutzt werden. Die Stadtführer haben das aus dem 17. Jahrhundert stammende Gebäude bereits in ihre Rundgänge eingebunden. Von Josef Pogorzalek

Das Schlachthaus ist fast noch im Originalzustand von 1936. In der Ecke steht ein Ofen, in den früher ein Brühkessel eingelassen war. In der Bodenmitte ist ein Metallring verankert. Daran wurden das Vieh festgebunden, bevor ihm die Schlachter zu Leibe rückten. An den Rohrbahnen hingen später die toten Tiere an großen Haken, längs geteilt, bereit zum weiteren Verarbeiten. Die Bahnen für die Rinder sind die ganz oben, unter der hohen Decke, die Schweine baumelten eine Etage tiefer.

Bis 1972 wurde im Hinterhaus der Fleischerei Mevissen an der Hochstraße 16, geschlachtet. "Dann wurden die Hygieneauflagen immer höher", sagte gestern Barbara Mevissen. Vor zwei Jahren hat die Metzgermeisterin sich zur Ruhe gesetzt und den Betrieb geschlossen. Jetzt stellt sie die ehemaligen Geschäfts- und Arbeitsräume zur Verfügung, damit sie zu einem neuen "Kulturzimmer" für Neukirchen werden können. Ausstellungen sollen hier stattfinden, Lesungen, Konzerte. "Vielleicht laden wir Künstler zu einer Sommerakademie ein", sagte Ulrike Reichelt, (Schul-)Kulturbeauftragte im Rathaus.

Reichelt hat das Projekt gemeinsam mit dem Heimat- und Verkehrsverein (HVV) sowie dem Stadtmarketing ausgebrütet. Mit 3500 Euro aus dem Kulturfonds des Kreises sowie der Tatkraft einiger HVV-Mitglieder wurde das Schlachthaus hergerichtet und die zugemauerte Wand zur benachbarten Wurstküche durchbrochen. Sie ist als Veranstaltungsort bereits erprobt, unter anderem für ein Konzert mit dem Moerser Improviser in Residence Hayden Chisholm.

Das Motto des Integrierten Handlungskonzepts für Neukirchen, "Tradition beleben Neues ermöglichen", hat den Kulturzimmer-Initiatoren die Richtung vorgegeben. Tradition bietet Familie Mevissen tonnenweise. Mehr als 250 Jahre lang ist sie an Ort und Stelle heimisch. Das Hinterhaus, früher Teil eines Hofs, ist noch älter. "Wir gehen davon aus, dass es zu einem der 40 Bauernhöfe und Häuser gehörte, die 1648 in Neukirchen gezählt wurden", sagte Stadtführerin Heide Schmitt. Sie und ihr Kollege Peter Pechmann steuern bei Führungen mit Kindern und Erwachsenen das Schlachthaus und die Wurstküche an. Cutter, Sägen, Mengenmulde, Wurstfüller, Waagen oder die an Bügeleisen erinnernden Pressschinken-Formen sorgen dort für große Augen. In einem Nebenraum steht ein gut mannshoher Räucherofen. Ein Duft nach Buchenholz-Rauch verrät, dass Barbara Mevissen ihn privat manchmal noch nutzt.

An den bis zur Decke gefliesten Wänden wurden Bilderschienen angebracht. Vergrößerte Fotos aus Barbara Mevissens Familienalbum hängen daran. Sie zeigen, wie es in der Wurstküche und im Schlachthaus früher zuging. Barbara Mevissens Opa Dietrich ist auf mehreren Fotos zu sehen. Als Dreikäsehoch in kurzen Hosen mit seiner Schwester Gertrud und Tante Bella, als junger Mann, als stolzer Fleischermeister. Im Zweiten Weltkrieg beschlagnahmte die Wehrmacht den Neukirchener Betrieb, um Soldaten mit Fleisch zu versorgen. "Auf dem Hof war eine Schlachtkompanie untergebracht", weiß Barbara Mevissen. Opa Dietrich musste derweil das Fleischerbeil mit dem Gewehr und das Schlachthaus mit dem Schlachtfeld tauschen.

Eröffnet wird das neue Kulturzimmer an der Hochstraße 16 im Rahmen des Adventskalenders im Dorf Neukirchen am 1. Dezember, 18.30 Uhr. Eine Bossa-Nova-Band spielt, es gibt Glühwein und Suppe, der HVV zeigt einen Film über Neukirchen-Vluyn aus dem Jahr 1978, gedreht von Hardy Fiedler, kommentiert vom damaligen Stadtdirektor Konrad Listemann.

Quelle: RP
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