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Neukirchen-Vluyn
Politik ist irritiert über radioaktive Lkw-Fuhren

Neukirchen-Vluyn: Politik ist irritiert über radioaktive Lkw-Fuhren
FOTO: dpa-Infografik
Neukirchen-Vluyn. Die Lineg hatte belastete Böden auf dem Zechengelände entdeckt. Die Werte seien aber nicht gefährlich für die Anwohner. Von Stefan Gilsbach

Für Stirnrunzeln und Kritik unter den Neukirchen-Vluyner Ratsfraktionen sorgt die Ankündigung der Lineg, ab dem 28. November belastetes Bodenmaterial vom Gebiet der ehemaligen Zechen Niederberg abzutransportieren. Bei den Renaturierungsarbeiten waren die Lineg-Mitarbeiter dort auf radioaktiven Staub und Gesteinsreste gestoßen. Diese sollen nun abgetragen und zu einer Deponie in der Nähe von Leipzig geschafft werden. 550 Lkw-Transporte mit rund 20 Fahrten pro Tag seien dazu nötig, so die Lineg.

Die SPD-Fraktion möchte nun von der Verwaltung wissen, warum die Politik in den Fachausschüssen nicht über diese Fakten informiert wurde. Die Fraktion NV AUF geht's, die in den vergangenen Monaten mehrfach die Gefahren durch aufsteigendes Grubenwasser beschworen hatte, äußert sich ebenfalls kritisch. Die Mitteilung der Lineg werfe "viele Fragen auf".

Wer beim Wort "radioaktiv" Angst bekommt, könne sich beruhigen, versichert Dr. Wolfgang Kühn, Geschäftsbereichsleiter der Lineg. Es handle sich um natürlich vorkommende Radioaktivität, die man an einigen Stellen auf dem Gelände entdeckt habe. "Diese Schicht fiel schon von der Farbe her auf", berichtet er. Das Sediment enthalte das Element Radon. "Das kommt mit dem Grubenwasser nach oben", erläutert Kühn. Die Strahlungswerte seien jedoch "völlig unkritisch".

Natürliche Radioaktivität ist tatsächlich nichts Ungewöhnliches. Bananen beispielsweise sind schwach radioaktiv wegen des enthaltenen Kaliums. "Wenn Sie im Schwarzwald auf den Feldberg steigen, sind Sie einer weitaus höheren Radioaktivität ausgesetzt als an den Stellen auf Niederberg", nennt Kühn als Beispiel. Also kein Grund für die Neukirchen-Vluyner Bürger, gleich an Tschernobyl zu denken.

Dennoch ist die Lineg gehalten, die RAG als Eigentümerin des Geländes und Behörden wie die Bezirksregierung über den Fund zu informieren. "Die Maßnahmen sind alle mit dem Strahlenschutz und der Bezirksregierung abgestimmt", versichert Elke Wimmer, die Sprecherin der Lineg.

Was den Abtransport der belasteten Böden angeht, so werde ein Weg gefahren, der die Ortskerne nicht berührt und nur wenige Anlieger belästige, erklärt Elke Wimmer. Die Route führt von der ehemaligen Zeche Niederberg über die Fritz-Baum-Allee über die Niederbergallee und die Lintforter Straße zur Auffahrt der Autobahn 40.

Für Klaus Wallenstein sind die Ausführungen der Lineg keinesfalls beruhigend. Der Fraktionsvorsitzende von NV AUF geht's, früher selber als Grubenelektriker auf Niederberg tätig, hat gleich mehrere Fragen parat: "Auf welcher Grundlage hat das Oberbergamt das Gelände offiziell aus der Bergaufsicht als saniert entlassen? Wer wurde über die Existenz belasteter Böden unterrichtet? Schlummern noch mehr derartige Tretminen auf dem Gelände?" Immerhin lebten im Umfeld hunderte Familien mit Kleinkindern. "Sie alle mussten unterschreiben, dass sie bei auftretenden Bodenbelastungen keinerlei Regressansprüche an die RAG erheben können. Kann die RAG derartige Boden- oder Grundwasserbelastungen tatsächlich völlig ausschließen?"

Im Zusammenhang erwähnt Wallenstein Augenzeugenberichte über nächtliche Aktivitäten auf dem Niederberggelände und fragt: "Gibt es da irgendetwas zu verbergen? Wie kommt die Verwaltung ihrer Aufsichtsverantwortung und Informationspflicht nach?" Diese Frage stellen sich, wie erwähnt, auch die Sozialdemokraten. Stadtsprecher Frank Grusen teilte gestern mit, die Verwaltung werde sich am Donnerstag, nach einem Gespräch mit Lineg-Vertretern, äußern.

Quelle: RP
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