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Neukirchen-Vluyn
Schulz weckt Leidenschaft für Europa

Neukirchen-Vluyn. Mit einer eindrucksvollen Rede über die Leistungen der EU hat Martin Schulz, der Präsident des Europäischen Parlaments, gestern die Zuhörer in Neukirchen-Vluyn gefesselt. Der SPD-Politiker war Gast des Lions-Clubs Fliunnia. Von Stefan Gilsbach

Den ersten Termin hatte er absagen müssen, dafür fuhr Martin Schulz (SPD), der Präsident des Europäischen Parlaments, gestern pünktlich beim Sport- und Freizeitzentrum Klingerhuf vor, begrüßt von seinem Parlamentskollegen Karl-Heinz Florenz (CDU). Noch bevor Bürgermeister Harald Lenßen die Begrüßung fortsetzen konnte, sah sich Schulz mit Vertreter der globalisierungskritischen Gruppe Attac Niederrhein konfrontiert, die ihm ein Schreiben überreichten, das ein Aus der Handelsabkommen CETA und TTIP forderte. Schulz nahm es freundlich an, machte aber später in seiner Rede klar, war er von solchen Forderungen hält - nämlich gar nichts.

Der Europapolitiker war auf Einladung des Lions-Clubs Fliunnia gekommen, dessen Präsident Karl-Heinz Florenz ist. Der Besuch sei ihm eine Ehre, weil er Florenz als Kollegen schätze, sagte Schulz. Florenz gab das Lob zurück. Schulz könne zwar "auch mal meckern", aber immer "qualifiziert".

Die Prominenz des Gastes zog, der Saal war voll. Gekommen waren unter anderem der SPD-Landtagsabgeordnete Ibrahim Yetim und der Rheurdter Bürgermeister Klaus Kleinenkuhnen. Sein Amtskollege Harald Lenßen schilderte in einer kurzen Ansprache das Wesentliche über Neukirchen-Vluyns jüngste Entwicklung und die aktuellen Themen. Für Schulz dürfte manches vertraut geklungen haben, er kennt die Lokalpolitik, war früher Bürgermeister von Würselen. Auf Bitte von Harald Lenßen trug er sich in das Goldene Buch der Stadt ein.

Natürlich stand die Rede des Gastes im Mittelpunkt. Viele erwarteten klare Worte zu den aktuellen Problemen der EU - und das bekamen sie. Schulz ist ein versierter Redner, der mit Stimme und Gestik scharfe Akzente setzen kann. Er lieferte eine wuchtige Verteidigung der europäischen Idee. "Manche glauben, die Stabilität, die wir heute haben, kommt aus der Steckdose. In Wirklichkeit musste alles hart erkämpft werden." Nun sei das Erreichte in Gefahr, weil überall in Europa Kräfte Zulauf hätten, die Nationalismus, Fremdenfeindlichkeit und Sündenbock-Politik schürten. "Sie rufen laut: Immer sind die anderen Schuld. Doch wenn man sie nach konkreten Lösungen fragt, herrscht Schweigen." Die Zeit sei gekommen, gegen diese Tendenzen offensiv vorzugehen.

Was die Herausforderung der Flüchtlingsströme angeht, fordert Martin Schulz eine europäische Lösung. "Würden wir diese Menschen auf ganz Europa verteilen, fielen sie kaum auf. Doch wenn nur einzelne Länder sie aufnehmen, bedeutet es für diese Probleme." Kurz gesagt: Mehr Europa sei die Lösung statt weniger. Dazu gehöre auch eine gemeinsame Außenpolitik, mit der Europa sich in einer Welt mit aufstrebenden Ländern wie Indien und China seine Position sichern könne. Kein europäisches Land könne alleine die Herausforderungen der nächsten Jahrzehnte bewältigen.

Für diese rund einstündige Rede, in der Schulz einen Bogen vom Ersten Weltkrieg bis zur US-Präsidentschaftswahl schlug, gab es stehenden Applaus.

Quelle: RP
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