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Neukirchen-Vluyn/Brüssel
Was der Brexit für die Region bedeutet

Neukirchen-Vluyn/Brüssel. Werden Städtepartnerschaften und Schüleraustausch durch den EU-Ausstieg Großbritanniens leiden? Wird der Handel mit dem Vereinigten Königreich schwieriger? Die RP fragte dazu unter anderem Europapolitiker Karl-Heinz Florenz. Von Stefan Gilsbach

Der Brexit kommt: Mit diesem Versprechen tritt die neue britische Premierministerin Theresa May ihr Amt an. Die Hoffnung, dass die Briten nach dem Referendum für den EU-Austritt das Ruder doch noch herumreißen, bestätigt sich nicht.

In Neukirchen-Vluyn gibt es eine Gruppe von Menschen, die das ganz besonders bedauert: die Mitglieder des Städtepartnerschaftsvereins. Seit 2012 ist die Stadt mit dem englischen Buckingham freundschaftlich verbunden. "In der Grafschaft Buckinghamshire hat es mit 50,5 Prozent eine sehr knappe Mehrheit für den Brexit gegeben", sagt Franjo Terhart, Vorsitzender des Partnerschaftsvereins. "Unsere Freunde in Buckingham, etwa 20 bis 30 Personen waren mehrheitlich gegen den Ausstieg aus der EU."

Was die persönliche Ebene betrifft, rechnet Terhart daher nicht mit Problemen durch die Brexit-Entscheidung. Die Beziehungen seien herzlich und Einladungen für nächstes Jahr liegen bereits vor. So soll 2017 die heimische Square-Dance-Gruppe die englische Stadt besuchen. "Unserer Freundschaft wird der Brexit keinen Abbruch tun", meint Terhart. "Was allerdings passieren könnte, ist, dass die Organisation künftig komplizierter wird." Vielleicht brauchen die deutschen Gäste bald ein Visum zur Reise auf die Insel. "Ich könnte mir vorstellen, dass der Schüleraustausch bürokratisch schwieriger wird."

Vor allem in Brüssel und Straßburg, den Zentren der europäischen Integration, hat die Entscheidung der britischen Wähler für Bestürzung gesorgt. "Ich bedauere dieses Ergebnis sehr. Das ist kein guter Tag für die europäische Idee", erklärte Karl-Heinz Florenz, der CDU-Europaabgeordnete für den Niederrhein, als das Ergebnis vorlag. Florenz übte auch Kritik an der Anti-Europa-Kampagne: "Es wurde viel gelogen, und diese Lügen müssen wir konsequent aufdecken und wiederlegen. Wir müssen jetzt analysieren und entsprechend reagieren."

Der Schock unter den Europa-Abgeordneten sei inzwischen abgeklungen, sagte Florenz gestern im RP-Gespräch. Dass der Brexit auf irgendeine Weise noch abzuwenden ist, glaubt der Politiker aus Neukirchen-Vluyn nicht mehr. "Ich sehe keine Möglichkeit eines Rückzuges." Dass die Briten sich aus den europäischen Institutionen zurückziehen, habe nicht nur schlechte Seiten. "Ich habe jahrelang mit diesen Leuten gearbeitet und kann versichern: Es waren fast ausschließlich Nein-Sager." Vor allem die Konservativen in Großbritannien hätten 15 Jahre lang auf die Europäische Union "eingeprügelt". Was die Folgen für den Niederrhein, speziell für die heimische Wirtschaft betrifft, rechnet Karl-Heinz Florenz nicht mit drastischen Verwerfungen. "Ich bin sicher, das heimische Firmen auch weiterhin nach Großbritannien liefern werden. Es wird keine Abschottung geben." Allerdings könnte manches komplizierter werden, falls die Briten eines Tages nicht mehr zum EU-Binnenmarkt gehören sollten.

Viele Beobachter sehen in dem Brexit eine Zäsur für die EU, die Anlass für Reformen sein könnte. Auch Karl-Heinz Florenz sieht die Zeit für Änderungen gekommen. Ein wesentlicher Punkt sei die Stabilität des Euros. "In vielen europäischen Ländern wird eine hundsmiserable Haushaltspolitik gemacht." Es müsse mehr auf Haushaltsdisziplin geachtet werden, wie sie die Deutschen vormachen. Florenz wünscht sich, dass die Bürger die EU nicht mehr als Sündenbock für alle Probleme des Kontinents sehen. "Dieses Europa-Bashing muss aufhören!" Seit Jahrzehnten lebten die Deutschen in der EU in Frieden und Wohlstand. "Also können wir nicht alles falsch gemacht haben."

Quelle: RP
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