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Neuss
30 Steine, eine Familie und das Leben

Neuss: 30 Steine, eine Familie und das Leben
Tim Harpers hat sich mit der "Further Familie" beschäftigt und ihr einen Dialog in den "Mund" gelegt. FOTO: Andreas Woitschützke
Neuss. Normalerweise schaut man auf die Kunst. Aber was ist, wenn die Kunst auf uns schaut? Wir probieren es - mit Dieter Patts "Further Familie". Von Tim Harpers

30 blaue Steine - quaderförmige Betonklötze sorgsam übereinandergestapelt. 30 blaue Steine für vier Figuren. Vater, Mutter, Sohn und Tochter. 30 blaue Steine, um das Sinnbild einer Familie zu schaffen. Seit fast 20 Jahren steht Dieter Patts Plastik "Die Further Familie" an der Kreuzung Viersener Straße, Ecke Kaarster Straße und lädt die Neusser zum Nachdenken über ihre Bedeutung ein. Nach dieser langen Zeit scheint es angebracht, auch einmal die Kunst zu Wort kommen zu lassen, den Blickwinkel ins Gegenteil zu verkehren und sich die Frage zu stellen, wie denn die "Further Familie" ihre Umwelt wahrnehmen würde. An diesem Morgen in den Ferien geht es im Norden der Stadt hektisch zu. Hunderte Autos brausen über die Kreuzung zu den Füßen der vier Betonköpfe. Silberne, schwarze, weiße, rote. Wenige matt, die meisten metallisch glänzend. Auf der anderen Straßenseite ist Markt. Käse-, Blumen und Obstverkäufer preisen lautstark ihre Waren an. In der Nähe der "Further Familie" warten Neusser auf ihren Bus. Die 863 hält hier auf ihrem Weg zum Düsseldorfer Nordfriedhof. Die Leute sind in Eile, kaum einer hält inne. Alle haben ein Ziel vor Augen, wollen zum Markt, zur Apotheke, zur Bank. Für die Kunst bleibt keine Zeit.

"Wo wollen die alle hin?", würde das Töchterchen ihren steinernen Vater wohl fragen. Und Vater könnte antworten: "Nun mein Kind, sie führen ihr Leben, haben Dinge zu erledigen. Gehen einkaufen, fahren zur Arbeit, zum Arzt oder besuchen Freunde. Das machen Menschen so, das haben sie schon immer so gemacht. Nur glauben heute alle, sie hätten weniger Zeit." Wie das komme, will die Tochter wissen. "Die Welt verändert sich", mischt sich die Mutter ein. "Das Internet und die Technik haben die Gesellschaft schnelllebiger gemacht." Heute seien sie immer und überall erreichbar. Könnten unterwegs Termine organisieren und Nachrichten konsumieren. "Sie leben in der Welt der Gelegenheiten. Nichts zu tun ist ein Luxus, für den sie sich heute andere Zeitfenster suchen als den Weg zur Arbeit, zur Schule oder zum Einkaufen."

"Wie anstrengend", antwortet der Sohn. Da müssten sie doch ständig aufpassen, nichts zu verpassen. "Anstrengend? Kann sein. Aber auch schön", entgegnet die Mutter. "Wieso das?", fragt der Sohn. Ihre Familie würde sich doch auch nicht verändern. Und ihnen gehe es trotzdem gut. "Weil sie in einer Zeit leben, in der sie ständig Neues lernen können." Das sei für die Menschen noch nie so leicht gewesen wie heute. Ihre Welt sei kleiner als noch vor 20 Jahren.

"Und wieso verändert sich für uns nichts?", will die Tochter wissen. "Wir stehen hier seit so langer Zeit. Ich will mich auch verändern." Wenn Vater könnte, würde er jetzt wohl den Kopf schütteln. "Weil es nicht unsere Aufgabe ist", würde er sagen. "Weil wir Kunst sind. Und weil Kunst Zeugnis dessen sein soll, was war, was ist und was sein könnte." Es sei ihre Aufgabe, zu mahnen und zu loben, den Menschen den Spiegel vorzuhalten und ihnen zu zeigen, was sein sollte. "Es ist schon ganz richtig so, das wir sind, wie wir sind", sagt die Mutter. "Wir vier verkörpern das Idealbild einer Familie. Vater, Mutter, Sohn und Tochter vereint bis ans Ende unserer Tage. Und jetzt still. Da kommen Menschen."

Die steinerne Familie verstummt. Ihr menschliches Gegenstück nähert sich. Vater, Mutter, Sohn - das junge Töchterchen schiebt die Mutter im Kinderwagen vor sich her. "Schaut mal", sagt der Sohn. Die Familie hält inne. "Die sind wie wir". Der Vater blickt kurz auf, dann klingelt sein Smartphone. Er stöhnt. "Stimmt", sagt er. Aber die haben etwas, was wir nicht haben." Was das denn sei, will der Sohn wissen. Der Vater lächelt und antwortet: "Alle Zeit der Welt."

Quelle: NGZ
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