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Neuss
Allein unter Brüdern

Neuss. Die Theaterfassung von Thomas Manns Roman "Joseph und seine Brüder" unter Bettina Jahnke beschert dem RLT einen fulminanten Einstieg in die neue Spielzeit. Von Helga Bittner

"Ich danke dir, Vater". In diese drei Worte vermag Stefan Schleue die ganze Gefühlswelt eines Sohnes zu legen, der auf so viel mehr hofft vom Vater, als dieser geben kann. Das Wissen, dass es kein Verzeihen gibt, nur dieses kleine Entgegenkommen, den verlorenen Sohn wieder aufzunehmen, verbunden mit Dankbarkeit für immerhin dieses und Resignation über dieses doch so wenige drückt der Schauspieler in diesen drei Worten nur mit Ton und Haltung aus. Stefan Schleue ist im Sinne des Wortes Dreh- und Angelpunkt der Inszenierung "Joseph und seine Brüder", mit der RLT-Intendantin Bettina Jahnke als Regisseurin die Spielzeit eröffnet.

Aber was soll Vater Jaakob seinem Sohn Joseph eigentlich verzeihen? Dass dieser jahrelang nichts von sich hören ließ, nachdem er von den Brüdern als Sklave verkauft wurde, aber dann im fernen Ägypten zu Ruhm und Geld kam? Und trägt nicht auch der Vater Schuld, weil er in Joseph, dem Zweitjüngsten seiner Söhne, immer etwas Besonderes sah, während er seine anderen Söhne als die "Ungeliebten" bezeichnete und somit den Hass unter den Brüdern schürte? Der kennt keine Grenzen mehr, als sie erfahren, dass der Vater darüber nachsinnt, seinem Liebling das Recht der Erstgeburt zuzusprechen.

Thomas Mann hat 16 Jahre und rund 2000 Buchseiten gebraucht, um dem biblischen Mythos von Jaakob und seinen Söhnen nachzuspüren. John von Düffel hat das Werk auf rund 180 Seiten zu einer Theaterfassung verdichtet; Regisseur Wolfgang Engels brauchte für die Uraufführung vor fünf Jahren sechs Stunden. Das Zahlenwerk macht die Wucht der Geschichte deutlich, die von Mann selbst auch als "Menschheitsdichtung" bezeichnet wurde. Jahnke verdichtet die Vorlage auf 65 Seiten und knapp drei Aufführungsstunden. Kann das funktionieren? Und wie das funktioniert.

Weil Jahnke klug mit dem Personal umgeht, Charakterparallelen der Figuren betont, indem sie sie von einem Schauspieler darstellen lässt: Jaakob/Potiphar von Joachim Berger, Reuben/Mont-Kaw von Michael Meichßner oder Mut/Schimeon von Juliane Pempelfort. Weil sie die Inszenierung auf die Entwicklung des Joseph fokussiert und seine Geschichte von hinten aufzäumt. Sie beginnt mit dem Moment, in dem Joseph, reich und angesehen als rechte Hand des Pharaos, nach Jahren seine Brüder erwartet (die ihn tot glauben) und sich fragt, wer er ist und wie er so wurde - vom verspielten Sonnyboy des Vaters zum reifen und geläuterten Mann. Schon geht es zurück in die Kindheit in Jaakobs Haus; der Ausgang des Wiedersehens bleibt zunächst offen.

Diesen beherzten Zugriff auf das Stück und die dadurch starke Verknappung in der Charakterzeichnung trägt das Ensemble traumhaft spiel- und vor allem sprachsicher. Ob Berger, Meichßner, Pempelfort, Anna Lisa Grebe als Benjamin (und andere), Richard Lingscheidt als Juda (und andere) oder Pablo Guaneme Pinilla als Levi/Dudu/Pharao: Jeder lässt seine Rolle wie maßgeschneidert wirken, nutzt die Möglichkeiten, die er hat, mit Augenmaß, um seiner Figur Präsenz zu geben. Bewundernswert, wie gut sie sich in den Mann'schen Text hineinversetzt haben und der Sprache des Autors eine große Strahlkraft geben.

Diese Ensembleleistung wiegt umso mehr, weil sich alle Aufmerksamkeit auf Stefan Schleue als Joseph richtet. Um ihn herum hat Bettina Jahnke inszeniert, und Schleue zeigt, dass sie die richtige Wahl getroffen hat. Der RLT-Rückkehrer ist die Idealbesetzung, er vermag jede Szene des handlungsarmen Stücks, jedes Entwicklungsstadium seiner Figur sichtbar zu machen. Mit nur drei Mitteln: Mimik, Gestik und Ton. Seinem jungen Joseph sieht man die unbekümmerte Selbstverliebtheit nach und dem verbannten Joseph nimmt man die Reue über sein einstiges arrogantes Verhalten ab. Schleue zeigt die Ambivalenz eines Menschen, der seine Wut- und Rachegefühle über das ihm angetane Unrecht beherrschen will und sie doch nicht immer deckeln kann.

Mit dem Bühnenbildner Juan Léon hat Jahnke einen kongenialen Ausstatter, mit Henning Brand einen kongenialen Musiker an der Seite. Léon schafft mit einem Rund aus verschiedenen Türen einen Nicht-Ort, an dem alles möglich ist. Dafür sprechen seine Kostüme eine deutliche Sprache, sind Stoff gewordene Entsprechungen der Charaktere. Brand grundiert mit seinen Klängen Manns wundervolle Sprache. Begeisterter Beifall.

Quelle: NGZ
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