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Neuss
Als der Rhein 14 Menschen in den Tod riss

Neuss: Als der Rhein 14 Menschen in den Tod riss
Der Künstler Michael Franke hat die Bronzetafel gestaltet, die der Verschönerungsverein Neuss-Uedesheim in der Nähe des Unglückortes anbringen ließ. Sie zeigt den Moment, in dem die Fähre kentert, Menschen und Autos in den Rhein stürzen. FOTO: Anne Orthen
Neuss. Vor 70 Jahren sank die Fähre zwischen Himmelgeist und Uedesheim. Drei Perspektiven auf das große Unglück vom 7. März 1947. An das erinnert seit dem Jahr 2009 eine Tafel, die der Dorfverschönerungsverein am Deichtor anbringen ließ. Von Christian Herrendorf

Die Geschäftsfrau Angelika Eichhorn beginnt den 7. März 1947 morgens um fünf im Örtchen Nuttlar im nördlichen Sauerland. Es ist kalt an diesem Freitag. Sie zieht einen Pelzmantel an und einen Hut auf und setzt sich hinten in den dunklen Opel Kapitän. Mit Dr. Rosenboem und dem Fahrer Herrn Mönig macht sie sich auf ins Rheinland, um dort für ihre Hefe- und Spirituosenfabrik Verhandlungen zu führen. Dass sie das Ende dieses Tages erlebt, verdankt sie Hendrik Baggermann.

Der Kapitän, Hendrik Baggermann, stammt aus Rotterdam und fährt am 7. März in Richtung seines Heimatlandes. Auf dem Schlepper "Nelli" ist er mit seiner Frau und seiner Mannschaft unterwegs, die Besatzung hat mit "schwierigem Wasser" zu kämpfen, wie die Seeleute sagen. Wegen der niedrigen Temperaturen hatte es am Oberlauf des Rheins immer wieder geschneit, nun setzt Tauwetter ein - und wie. Innerhalb von 24 Stunden steigt der Rhein um knapp vier Meter. Das sorgt für starke Strömungen im Fluss, im Wasser treiben mächtige Eisstücke, und der Wind weht eisig aus Nordwest. Bei diesen Bedingungen kommt die "Nelli" am Nachmittag an Neuss-Uedesheim vorbei, wo sie einer der wichtigsten Zeugen des großen Unglücks beobachtet.

Der Zeuge, dessen Name heute niemand mehr kennt, hat 1947 in der Rheinischen Post berichtet, wie er den Untergang der Fähre "St. Antonius" erlebte. Der Mann rollt mit seinem Auto um kurz vor drei in Uedesheim an die Rampe, um mit der Fähre nach Himmelgeist überzusetzen. Die "St. Antonius" ist eine der wenigen Möglichkeiten, ans andere Ufer zu gelangen. Die Wehrmacht hatte zwei Jahre zuvor die Rheinbrücken gesprengt, um den Vormarsch der Alliierten zu bremsen. Die Behelfsbrücke, die nach dem Krieg zwischen Rheinterrasse und Oberkassel entstanden war, hatte im Dezember ihren Dienst versagt. Damit blieben nur die Hammer Eisenbahnbrücke und die Fähre. Der Zeuge erreicht seine allerdings nicht. Er muss im letzten Moment zurücksetzen, wegen der schweren Laster ist kein Platz mehr für ihn an Bord. Er wartet auf die nächste Tour.

Die Geschäftsfrau und ihre beiden Begleiter haben es mit ihrem Opel Kapitän noch auf die Fähre geschafft. Ihre Gespräche in einer Maschinenfabrik in Neuss hatten sich bis zum Nachmittag gezogen, nun wollen sie auf dem schnellsten Weg nach Ratingen. Neben dem Opel sind noch zwei weitere Autos auf dem Deck, zudem ein voller Tankwagen und ein britischer Dreiachser, der Dachpappe geladen hat. Die beiden schweren Laster stehen auf der linken Seite und drücken die Fähre auf die Rampe. Die Gehilfen des Fährmeisters müssen das Schiff mit Brechstangen loswuchten, damit es seine Fahrt am Querseil starten kann. Kaum setzt sich die "St. Antonius" in Bewegung, neigt sie sich nach links. Der Fährmann versucht, den Fahrer des britischen Lkw zu bewegen, sein Fahrzeug anders hinzustellen, der sieht aber keine Möglichkeit - oder will keine sehen. Die beiden Männer streiten, es passiert aber nichts. Angelika Eichhorns Begleiter, Dr. Rosenboem, hat ein komisches Gefühl. Er steigt aus dem Wagen, beobachtet jede Bewegung der Fähre und rät den anderen, lieber auch nicht sitzen zu bleiben. Der Zeuge am Ufer sieht, dass der Fährmann die tief und schief liegende "St. Antonius" trotz allem vorwärts bringt und schon über die Mitte des Flusses gelangt ist. Dann aber blockiert eine der Seilrollen. Die Fähre dreht sich, die heftige Strömung trifft sie voll. Der Zeuge hört einen lauten Knall, weil eines der Seile reißt, an denen die Fähre geführt wird. Die Autos und die Laster beginnen auf dem nassen Deck zu rutschen, die Fähre gerät außer Kontrolle, auch das zweite Seil reißt. Mit starker Schlagseite rast die Fähre wieder Richtung Uedesheim. Da sieht der Zeuge, dass ein Schleppzug auf Höhe der Fähre auftaucht. Ein Zusammenstoß scheint unausweichlich.

Der Kapitän, Hendrik Baggermann, reagiert perfekt. Er weicht der taumelnden Fähre aus, hängt seine Schleppkähne ab und dreht bei. Er lässt zwei Rettungsboote ins Wasser, in eines setzt sich seine Frau, ins andere er selbst.

Die Geschäftsfrau reagiert auch perfekt. Während die anderen Fahrzeuge und deren Insassen in die Fluten gerissen werden, springt sie samt Hut und Pelzmantel als erste von der Fähre. Halb schwimmt sie, halb treibt sie stromabwärts. Endlich erreicht sie eine Planke und klammert sich daran. Das Wasser ist eisig. Der Zeuge hört verzweifelte Schreie. Er sieht, wie die Menschen auf die erhöhte Seite der Fähre klettern und versuchen, sich an der Reling festzuhalten. Andere springen ins Wasser. Die Fähre kentert endgültig. Sie treibt kieloben stromabwärts, dann geht sie unter.

Der Kapitän und seine Frau erreichen Angelika Eichhorn. Das Wasser hat ihr alle Kraft geraubt. Sie schafft es nicht, das Tau zu fassen, das die Retter ihr zuwerfen, sie kann sich nicht aus eigener Kraft ins Boot schwingen. Mit größter Mühe und bewundernswerter Ruhe gelingt es den Baggermanns, Eichhorn und andere aus dem Wasser zu ziehen. Eine Frau, die mit Angelika Eichhorn an der Planke hing, hatte sich offenbar den Arm gebrochen. Sie entgleitet den Händen der Helfer und versinkt hilflos in den Fluten.

Der Zeuge erlebt Momente der Hoffnung und des Grauens. Manche der Menschen im Wasser beginnen zu hyperventilieren, weil ihnen die Kälte so zusetzt. Sie schlucken Wasser und Wasser, können aber nicht aufhören, weil der Reflex so stark ist - und ertrinken. Einer der Fährgehilfen ergreift eine Fahnenstange und schafft es dank ihr ans Himmelgeister Ufer. Ein größerer Junge zieht einen kleineren zu sich, so dass beide sich an einen Balken klammern können, bis die Retter kommen. Der Vater des kleineren Jungen hat kein Glück. Der Mann ist Arzt aus Solingen. Er hatte den Krieg überlebt, war erst im Dezember 1946 der russischen Kriegsgefangenschaft entkommen und hatte seinen kranken Vater in Neuss besucht. Er versinkt im Rhein.

Der Kapitän und seine Frau retten elf Menschen und bergen zwei Leichen. Im Kesselraum der "Nelli" wärmen sich die Passagiere auf. Angelika Eichhorn trifft dort Rosenboem und Mönig wieder. Die beiden waren kurz nach ihr in den Fluss gesprungen, hatten eine Fahnenstange erwischt und sich so über Wasser gehalten.

Die Geschäftsfrau und ihre Begleiter erhalten am nächsten Tag ein anderes Auto und fahren zurück ins Sauerland. Ihre Familien erfahren erst dann, in welcher Gefahr die drei waren und dass im Rhein zwischen Düsseldorf und Neuss 14 Menschen gestorben sind.

Quelle: NGZ
 
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