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Neuss
Als ein Glas Bier vier Milliarden Mark kostete

Neuss: Als ein Glas Bier vier Milliarden Mark kostete
FOTO: Woitschützke, Andreas (woi)
Neuss. Vor 100 Jahren verlor das Geld drastisch an Wert. Die Inflation hat der Notgeld-Sammler Günter Schöpgens für Neuss dokumentiert. Von Christian Kandzorra

Wenn die Geldscheine von Günter Schöpgens heute tatsächlich so viel wert wären wie die Zahl angibt, die auf den Banknoten aufgedruckt ist, könnte er mit einem Schein alle Schulden der Bundesrepublik Deutschland (aktuell rund 2,2 Billionen Euro) auf einmal tilgen. "Im Zweifelsfall würde ich eben noch einen Schein dazulegen", sagt Schöpgens und lacht. Schön wär's. Doch die historischen Banknoten, die der 78-Jährige in den vergangenen Jahrzehnten gesammelt hat, sind heute kaum noch etwas wert. Für einen Eine-Billion-Mark-Schein etwa erhalte er heute nur noch den reinen Sammlerwert, der bei etwa 50 Euro liegt.

Trotzdem: Die alten Papiermark-Scheine aus den Jahren 1914 bis 1923 haben ihren Reiz, denn sie zeugen auch ganz lokal für die Stadt Neuss von einer Zeit, in der das Geld so radikal an Wert verloren hat, dass ein Glas Bier bis zu vier Milliarden Mark oder ein Pfund Fleisch beim Metzger um die Ecke bis zu 32 Billionen (eine 32 mit zwölf Nullen) gekostet hat. "Grund ist die Inflation, die mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs begonnen hat", erklärt Günter Schöpgens. Vor rund 100 Jahren wurde der private Goldbesitz verboten. "Die Menschen waren dazu aufgerufen worden, ihren Schmuck und andere Dinge aus Gold abzugeben, damit der Krieg finanziert werden konnte", sagt Schöpgens. Auch Münzen wurden durch sogenanntes Notgeld, also Banknoten aus Papier, ersetzt, weil Metalle wie Kupfer ebenfalls für den Krieg gebraucht wurden. So gab es schon für Pfennig-Beträge kleine Geldscheine, die auch in Neuss hergestellt und mit Aufdrucken wie dem Obertor und dem Vermerk "Stadt Neuß" versehen wurden. Durch die Kosten, die der Krieg verschlang, weitete sich der Bargeldumlauf im damaligen Deutschen Reich enorm aus, was letztendlich zur Inflation führte.

Geldscheine, auf denen Sehenswürdigkeiten des heutigen Rhein-Kreises Neuss abgedruckt sind: Zu Notgeld- und Inflationszeiten gab es Banknoten der Städte Neuss und Zons. In der Mitte ist ein Eine-Billion-Mark-Schein von 1919 zu sehen. FOTO: Woitschützke, Andreas (woi)

Nach Ende des Ersten Weltkriegs verschärfte sich die Entwertung des Geldes noch einmal deutlich: Der Staat wurde in den Anfangsjahren der Weimarer Republik für alle kriegsbedingten Verluste und Schäden verantwortlich gemacht und musste hohe Reparationszahlungen leisten. Dadurch verschuldete sich der Staat - und weitete die Geldmenge zur Beseitigung der Schulden extrem aus. "Im Jahr 1923 waren 496 Trillionen Mark Bargeld im Umlauf. Das ist eine Zahl mit 18 Nullen", erzählt Schöpgens.

Diese Geldmengen konnte die Reichsbank nicht allein herstellen, obwohl die Druckerei rund um die Uhr lief. "Deshalb gab es zu Zeiten der Hochinflation auch einige Gelddruckereien sowie private Firmen in Neuss, darunter etwa die Ölmühle Thywissen, die Banknoten in Umlauf gebracht haben." Rund 300 Scheine, die damals in Stadt und Landkreis gedruckt wurden, sind heute bekannt. Viele von ihnen waren mehrere Millionen, Milliarden oder gar Billionen Mark wert - wenn sich die Bürger auch nicht viel dafür kaufen konnten. "Meine Sammlung umfasst fast alle bekannten Not- und Inflationsgeldscheine, die es bis 1923 gab. Danach wurde die Rentenmark eingeführt, die wieder mehr wert war", sagt der ehemalige Sparkassen-Mitarbeiter, der schon im Alter von acht Jahren Geldscheine gesammelt hat. "Geld hat mich schon immer fasziniert", sagt er.

FOTO: Woitschützke, Andreas (woi)

Zusammen mit den Heimatfreunden hat er vor 16 Jahren ein Buch über die verschiedenen in Neuss gedruckten Geldscheine herausgebracht. "Zwischenzeitlich ist meine Sammlung nur um wenige Scheine gewachsen. Es gibt Banknoten, die nur sehr selten angeboten werden", berichtet Schöpgens, der immer wieder Auktionen und Trödelmärkte besucht. Was er von der aktuellen finanziellen Situation und der Niedrigzins-Politik der Europäischen Zentralbank (EZB) hält? "Die Inflation macht sich heute kaum bemerkbar, weil die EZB mit ihren niedrigen Zinsen gegensteuert. Sie wird gemildert, um schwachen Staaten wie Griechenland zu helfen", meint Schöpgens, der nicht wetten würde, dass es den Euro in zehn Jahren noch gibt. Aus seiner Sicht sei er 2002 viel zu früh eingeführt worden. "Es hat ein einheitlichen Steuersystem in allen Euro-Ländern gefehlt."

Quelle: NGZ
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