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Neuss
Am Ende siegt Helga Koenemann doch

Neuss: Am Ende siegt Helga Koenemann doch
Zwei, die geräuschlos die erste schwarz-grüne Koalition im Rathaus führen: Michael Klinkicht (l., Grüne) und Helga Koenemann (CDU). FOTO: A. Woitschützke
Neuss. Sie stolperte im Herbst 2012 bei der Wahl zur Fraktionsvorsitzenden der CDU an die Spitze. Erst nach Bedenkzeit nahm sie das Amt an. Jetzt ist sie schon dreieinhalb Jahre die Chefin und parierte manche Attacke. Unabhängigkeit macht stark. Von Ludger Baten

Gary Lineker überraschte die Sportwelt einst mit der Erkenntnis, dass Fußball ein einfaches Spiel sei, bei dem 22 Männer 90 Minuten einem Ball nachjagen und am Ende immer die Deutschen gewinnen. An dieses Bonmot des britschen Torjägers fühlt sich erinnert, wer die Erfolgsbilanz der Vorsitzenden der Neusser CDU im Stadtrat betrachtet: Politik ist ein einfaches Machtspiel, bei dem 68 Frauen und Männer tagelang ihren eigenen Interessen nachjagen und am Ende immer Helga Koenemann die Mehrheit hat. Bestes Beispiel: Sie brachte Ralf Hörsken als Beigeordneten im Endeffekt sicher durch, obwohl der auch in den eigenen Reihen heftig umstritten war.

Als viele - auch sogenannte Parteifreunde - vordergründig auf Hörsken zielten, aber Koenemann im Visier hatten, hielt sie Kurs, von dem sie sich auch durch CDU-Prominenz aus der Landespartei nicht abbringen ließ. "Wenn wir eine Mehrheit - und mag sie noch so knapp sein - nicht mehr akzeptieren", sagt sie, "dann ist berechenbare Politik am Ende." Man(n) mag vieles über sie denken, manches sagen, aber eins kann man(n) dieser nur 168 Zentimeter großen Powerfrau nicht absprechen: Sie ist zuverlässig. Sie sagt, was sie denkt und sie tut, was sie sagt. Und sie kann Politik. Natürlich wusste sie, dass Vorsitzender Arno Jansen und die von ihm geführte SPD-Ratsfraktion ihren Personalvorschlag unterstützen würden. Hätte die größte Oppositionsfraktion Ralf Hörsken durchfallen lassen, wäre das gleichbedeutend mit der Aufkündigung einer Absprache gewesen. Die Folge: Die SPD wäre in höchste Gefahr gelaufen, demnächst keinen von ihr ausgesuchten Beigeordneten-Bewerber in den Verwaltungsvorstand entsenden zu können. So einfach kann Politik sein. Bereits zuvor hatte Helga Koenemann ihren Favoriten Sven Schümann als Ersten Stellvertretenden Bürgermeister fraktionsintern durchgesetzt - wer aber in dem stillen Ratsherrn aus Rosellen nur einen krassen Außenseiter gesehen hatte, der hatte die Rechnung ohne die Vorsitzende gemacht.

Dreieinhalb Jahre führt Helga Koenemann (62) nun bereits die zuvor taumelnde CDU-Ratsfraktion. Länger war nur ihr Ex-Mann Bernd im Amt (2001/07) - nimmt man die neue Zeitrechnung seit dem Ende der Doppelspitze (1998) im Neusser Rathaus als Maßstab. Namhafte CDU-Granden wie Heinz Günther Hüsch (1998/99), Karlheinz Irnich (1999/01), Heinz Sahnen (2007/09), Karl Heinz Baum (2009/11) und Jörg Geerlings (2011/12) hatten alle nach einer viel kürzeren Amtszeit an der Fraktionsspitze schon fertig.

Totgesagte leben länger. Auch in der Neusser CDU. Diesen Beweis tritt Helga Koenemann derzeit an. Dabei kam sie im Oktober 2012 nur schlecht aus den Startlöchern. Als ihr bei der Wahl als einziger Bewerberin neun Fraktionsmitglieder die Gefolgschaft verweigerten, nahm sie erst nach Bedenkzeit und einem ermunternden zweitem Votum das Amt an. Als erste Frau in der Geschichte der Neusser CDU. Doch das Chaos der vergangenen Jahre schien sich fortzusetzen. Gleich zu Beginn schimmerte schon das Ende durch: Die CDU-Ratsfraktion frisst ihre Vorsitzenden.

Doch es kam anders. Helga Koenemann, moderat im Ton, konsequent im Handeln, gab ihrer Fraktion den Stolz zurück. Selbst ihr unglücklicher Auftritt und das Scheitern bei der CDU-internen Suche nach einem Bürgermeister-Bewerber schadete ihr nicht wirklich. "Ich muss niemanden, auch mir nicht, etwas beweisen", sagt sie, "aber ich habe den Ehrgeiz, der richtigen Entscheidung eine Mehrheit zu verschaffen." Das tut sie auch dadurch, dass sie Verzicht übt. So sitzt sie in keinem Aufsichtsgremium eines städtischen Unternehmens, in dem ein finanzielles Zubrot lockt. Viele haben das nicht verstanden. Einige sahen darin gar eine Schwäche. "Ich bin nicht böse, dass ich nicht im Stadtwerke-Aufsichtsrat sitze", sagt sie scheinbar nebenbei und meint: Unabhängigkeit macht stark.

Quelle: NGZ
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