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Jobcenter-Mitarbeiterin in Neuss erstochen
"An den Schutz der Mitarbeiter denkt kaum einer"

November 2012: Mord im  Neusser Jobcenter - Täter in Haft
November 2012: Mord im Neusser Jobcenter - Täter in Haft FOTO: Woitschützke, Andreas
Düsseldorf. Die Wogen unter Mitarbeitern in öffentlichen Verwaltungen und den Gewerkschaften schlagen hoch, nachdem am Mittwoch eine junge Sachbearbeiterin im Jobcenter Neuss nach einer Messerattacke gestorben ist. "Neuss ist kein Einzelfall", sagt Markus Schallenberg. Er ist Vorsitzender des Deutschen Beamtenbund Jugend NRW (dbbj) und arbeitet selbst in einem Jobcenter. Von Tanja Walter

Schallenberg kennt die Arbeit mit schwierigen Kunden aus eigener Erfahrung. Im Gespräch mit unserer Redaktion erklärt er, welche Maßnahmen die Mitarbeiter besser schützen könnten. Denn Probleme gibt es viele. Häufig fehlt es schon an geeigneten Fluchtwegen für Mitarbeiter, die bedroht werden.

Schon seit Jahren bemängeln Gewerkschaften und Mitarbeiter, die in öffentlichen Institutionen wie Ordnungsämtern, Finanzämtern oder Jobcentern arbeiten, dass sie oft ungeschützt Kunden mit zum Teil hohem Aggressionspotential ausgesetzt sind. Behördenleitungen in NRW sehen sich gezwungen, auf den Vorfall und die Unsicherheit der Kollegen in den Ämtern zu reagieren. Ihre Aussage: Sie sehen auch nach dem schrecklichen und bedauernswerten Fall in Neuss keine allgemeine Bedrohung.

Das sehen die Gewerkschaften anders. "Wir hören schon seit vielen Jahren, dass Kollegen in Ordnungsämtern, der Arge, bei der Polizei, Feuerwehr oder Sanitätsdiensten massiv unter Angriffen von außen leiden", erklärt Markus Schallenberg. Als Vorsitzender der Beamtenbund Jugend NRW vertritt er viele junge Beschäftigte, die in solch sensiblen Verwaltungsbereichen arbeiten.

"Bei einer Befragung von 500 Mitarbeitern im Jahre 2009 gaben knapp 25 Prozent der Befragten an, bereits einmal Opfer eines Übergriffs gewesen zu sein", erklärt die Deutsche Polizeigewerkschaft NRW (DPolG). Vor allem die Leistungsabteilungen der Ämter seien das Ziel solcher Angriffe. Täglich werden nach Informationen der DPolG Polizisten angegriffen und Kolleginnen und Kollegen zum Teil schwer verletzt.

Immer Mehr Gewalt gegenüber Amtsmitarbeitern

"Das Gewaltpotential unter unseren Kunden steigt", sagt Schallenberg dazu. Die Verwaltungsbereiche, in denen es zu verbalen und handfesten Angriffen komme, seien vor allem sensible Bereiche, in denen es um Eingriffe in Lebenswelten der Kunden gehe. "Es geht oft um Entscheidungen, die die finanzielle Situation unserer Kunden betreffen", sagt Schallenberg weiter. Die Reaktion der Betroffenen ist dann mitunter emotional und aufgeladen.

"Wir vermissen von Seiten des Arbeitgebers, dass Verantwortung für die Mitarbeiter übernommen wird. Gerne werden Argumente angeführt, die sich auf eine Vertrauenskultur beziehen, die man in Behörden wie Finanzämtern und Jobcentern oder auch Ordnungsämtern gegenüber den Kunden betonen möchte. "An den Schutz der Mitarbeiter denkt kaum einer", moniert Schallenberg.

Keine Barrieren, keine Fluchtwege, keine Alarmknöpfe

Das fange bei baulichen Maßnahmen wie Barrieren an, die Beschäftigten einen Abstand zu ihren Kunden sichern. "Meist sind zudem keine Fluchtwege vorhanden, die einen Weg offen halten, der vom Kunden weg führt", sagt Schallenberg. Ebenso wie die Jugendorganisation des dbb in NRW fordert auch die Polizeigewerkschaft NRW Kontrollen durch zertifizierte Sicherheitsdienste und Alarmierungsmöglichkeiten in Gefahrensituationen. "Derzeit gibt es für Mitarbeiter in sensiblen Verwaltungsbereichen keine Möglichkeit, über Alarmknöpfe Hilfe zu ordern", bemängelt Markus Schallenberg.

Die Polizisten fordern zudem Videoüberwachung. Die Jugenddachorganisation des dbb wünscht sich zudem die Möglichkeit, Kundenprofile erstellen zu dürfen und durch Datenabgleiche mit der Polizei sicherzustellen, dass Mitarbeiter darüber informiert sind, wenn Kunden durch Körperverletzungsdelikte oder aggressives Verhalten bereits auffällig wurden. Auch das Vier-Augen-Prinzip würde Beschäftigten in kritischen Verwaltungsbereichen Sicherheit bieten. "Wer alleine im Büro sitzt, kann sich im Notfall nur selber helfen", sagt Schallenberg.

Darum fordern die Gewerkschafter die Politik zum Handeln auf: "Wir vermissen seitens der Arbeitgeber, dass sie Verantwortung für die Sicherheit ihrer Mitarbeiter übernehmen."

(wat/jco/csi/sap/top)
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