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Neuss
Archiv durchleuchtet Akten der Preußenzeit

Neuss: Archiv durchleuchtet Akten der Preußenzeit
Vor 200 Jahren wurde das rheinische Neuss preußisch. Daran erinnern Straßennamen - und die neu erschlossenen Aktenbestände im Stadtarchiv. FOTO: lber/woi
Neuss. Zum Abschluss des Preußenjahres hat Sandra Gesell die Arbeit an dem Findbuch abgeschlossen, das die Akten der Preußenzeit erschließt. Von Christoph Kleinau

Vor Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe war wohl kein Neusser häufiger auf Empfängen in Berlin zu Gast als Carl Conrad Loerick. Der Bürgermeister der Jahre 1828 bis 1843, der sich eine Einladung zu den Huldigungsfeierlichkeiten für den gerade gekrönten Preußenkönig Friedrich-Wilhelm IV. erkämpfen konnte, streifte im Oktober 1840 eine Woche lang von Bankett zu Bankett. Zurück kam er mit einem Bündel Eintrittskarten, die er - auch ohne Compliance-Regeln im Nacken - artig zu den Akten gab. Aber er hatte offenbar auch etwas für die Stadt erreicht. Denn danach gab es Zuschüsse für die Sanierung des Quirinus-Münster. Für Loerick ein Verdienst, auf das er zu Lebzeiten gern hinwies. Für Stadtarchivar Jens Metzdorf ein Zeichen dafür, wie gut das angeblich angespannte Verhältnis der rheinischen Untertanen zu ihrer preußischen Obrigkeit tatsächlich war.

Gefunden hat Metzdorf die Eintrittskarten in einer Akte, die zu dem großen Bestand "B.02.03 Preußische Verwaltung" gehört und in preußischer Heftung eine Reihe handgeschriebener Einzeldokumente bündelt. Heute hätte man viel schneller Zugriff auf die Billets. Denn nachdem sich in den Akten der Stadtverwaltung für die preußischen Jahre 1815 bis 1945 nur zurechtfand, wer das Ordnungsprinzip der alten Registratur durchschaute, ebnet jetzt ein dreibändiges Findbuch dem Suchenden den Weg durch 160 Meter Akten. "Ein schöner Abschluss für das Preußenjahr", sagt Metzdorf.

Am Anfang der preußischen Verwaltung steht ein Edikt, das den Neussern im April 1815 per Aushang kund getan wurde. Der Wiener Kongress zur Neuordnung Europas nach den napoleonischen Kriegen tagte noch, da ließ der preußische König im Vorgriff auf die zu erwarten Beschlüsse die Rheinländer schon wissen, dass sie nun Preußen seien. Das "Patent wegen Besitznahme des Großherzogtums Niederrhein" hat auch das Stadtarchiv Neuss seinem Bestand vorangestellt, der, so Metzdorf, "dem Benutzer die ganze Welt des 19. Jahrhunderts auftut." Denn mit dem Beginn der Preußen-Herrschaft vollzog sich in Neuss der Abschluss des Mittelalters, den die Franzosen in den Jahren seit 1794 eingeleitet hatten. Bevor sie den linken Niederrhein besetzten, war der Kölner Erzbischof über Jahrhunderte Landesherr der Neusser gewesen.

Der Beginn der Preußenzeit markiert für Metzdorf den Startschuss für die "Entwicklung der modernen Stadt, wie wir sie heute kennen." Mit Hafen, Elektrizitäs- und Wasserwerken, Schulen und Industrie. Die Verwaltung hat diesen Prozess gemanget und in 3600 Archiveinheiten dokumentiert. Diese Berge zu sichten, hat Sandra Gesell über Jahre einen Teil ihrer Arbeitszeit im Stadtarchiv gefüllt. Sie musste beim Querlesen der in deutscher Schrift handgeschriebenen Akten entscheiden, was in der einzelnen Mappe die Kernnachricht ist und das im Findbuch niederlegen. Mit einer Überschrift alleine wäre nichts anzufangen gewesen, sagt sie. So kommen die neuen Findbücher dank dieser so genannten Enthält-Vermerke auf weit mehr als 800 Seiten.

Als großes Glück bezeichnet es Gesell, dass die Akten aus der Preußenzeit fast vollständig erhalten sind. Sie waren im Zweiten Weltkrieg ausgelagert worden und gingen daher - anders als die meisten Bestände aus der NS-Zeit - nicht verloren, als das Rathaus bei einem Bombenangriff zerstört wurde.

Wer in den Findbüchern blättern möchte, muss nicht in den Lesesaal kommen, denn die Informationen sind auch im Internet verfügbar. Wie schon das Findbuch zu den mittelalterlichen Quellen kann es unter www.stadtarchiv-neuss.de eingesehen werden. Einen zweiten Zugang eröffnet das Portal "Archive in Nordrhein-Westfalen" (www.archive.nrw.de). Die Verbreitung der Neusser Inhalte auch dort werde sich schon bald in Nutzeranfrage niederschlagen, sagt Metzdorf.

Gegliedert sind die Informationen nach Themengebieten - mit einer Ausnahme. Bei den Akten zum Erstem Weltkrieg und der Zeit der belgischen Besatzung wird die Systematik abgelöst von der Thematik. "Jede Stadt sollte damals eine Weltkriegssammlung anlegen, die belegt, was jetzt für eine große Zeit beginnt", sagt Metzdorf. Diese Sammlung war im Vorjahr die Grundlage für die Sonderausstellung des Stadtarchivs über Neuss im Ersten Weltkrieg. Eine Sonderausstellung zur Preußenzeit gab es nicht. Aber es gibt ja auch kein Denkmal für einen Preußen-Herrscher in der Stadt - obwohl die Neusser schon 80.000 Mark für ein Reiterstandbild von Kaiser Wilhelm I. gesammelt hatten. Das sollte dort am Markt aufgestellt werden, wo jetzt der Löwe an die Neusser Kriegstoten erinnert.

Quelle: NGZ
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