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Neuss
Arnon Grünberg eröffnet "Neuss liest"

Neuss: Arnon Grünberg eröffnet "Neuss liest"
Von einer Weisheitszahn-OP hat Schriftsteller Arnon Grünberg noch eine geschwollene Wange. Vom Besuch in Neuss ließ er sich trotzdem nicht abbringen. Schließlich hatte Alwin Müller-Jerina, der Leiter der Stadtbibliothek, vor 15 Jahren den damals noch wenig bekannten Autor besonders herzlich empfangen. FOTO: A. Woitschützke
Neuss. Die Stadt Neuss widmet dem Schriftsteller eine ganze Serie von Lesungen nebst einer Ausstellung zu Leben und Werk. Im Mittelpunkt steht sein neuer Roman "Der Mann, der nie krank war". Auftakt im Rheinischen Landestheater. Von Claus Clemens

Auf seiner letzten Reise erwischten gleich zwei Krankheiten den Schriftsteller Arnon Grünberg. In Usbekistan zwang eine böse Magenverstimmung ihn zum Umweg in westliche Gefilde. Der Magen wurde besser. Doch dann, auf der nächsten Station im brasilianischen Rio, schwoll die rechte Backe an: Der Weisheitszahn musste dringend raus. Für diesen chirurgischen Eingriff wählte Grünberg seine Heimatstadt Amsterdam.

Eine Lesung in Wien musste abgesagt werden, aber seinen Besuch in Neuss ließ sich Grünberg nicht nehmen, trotz immer noch geschwollener Wange. Schließlich hatte Alwin Müller-Jerina, der Leiter der Stadtbibliothek, vor 15 Jahren den damals noch wenig bekannten Autor besonders herzlich empfangen. Und jetzt widmet die Stadt Arnon Grünberg eine ganze Serie von Lesungen nebst einer Ausstellung zu Leben und Werk. Die schöne Aktion dreht sich vor allem um Grünbergs neuen Roman "Der Mann, der nie krank war".

Bei der Auftaktveranstaltung im Rheinischen Landestheater erläuterte Grünberg das kuriose Zusammentreffen seiner Beschwerden mit dem Buchtitel. Der sei eher so zu verstehen wie Musils "Mann ohne Eigenschaften". Gesundheit sei halt einfach nur das Fehlen von Krankheit. Worum geht es in dem von der Kritik bejubelten und bereits vielfach übersetzten Roman?

Samarendra, Sohn eines indischen Vaters und einer Schweizer Mutter, ist ein ehrgeiziger junger Architekt, der im Auftrag eines reichen Exil-Irakers eine Oper in Bagdad entwerfen soll. Sam erwartet, mit allem Komfort empfangen zu werden, denn "wie er in der Zeitung gelesen hatte, war dort das Schlimmste so ziemlich vorbei." Doch seine Reise nach Bagdad verläuft von Beginn an holprig: In seinem Koffer befindet sich fremde schmutzige Kleidung, das Internet funktioniert nicht, sein Auftraggeber lässt auf sich warten. Und ganz plötzlich bricht Sam der Boden unter den Füßen weg...

Das Projekt, eine Oper in Bagdad zu bauen, gab es wirklich. Es war ein Plan des amerikanischen Architekten Frank Lloyd Wright Anfang der fünfziger Jahre. Für Arnon Grünberg, der den Irak auf mehreren abenteuerlichen Reisen besucht hat, ist der Plan seines Protagonisten ein philanthropischer Traum, eine typisch westliche Spinnerei. Puccini soll dort gespielt werden, sagt Sams Auftraggeber, als Bastion des Menschlichen mitten im Krieg. Das muss schief gehen.

Sam erlebt und erleidet die schlimme Wirklichkeit eines Landes ohne funktionierendes Rechtssystem. Trotzdem zieht es ihn nach seiner Rückkehr in die Schweiz wieder in jene orientalisch-kafkaeske Welt, wo er aufs Neue scheitert. Im Gespräch mit Thomas Böhm machte Grünberg das nordeuropäische Bildungsbürgertum, im Roman in Gestalt von Sams Mutter, verantwortlich für die Erklärungsprobleme, die der Westen mit dem Krisenherd Mittlerer Osten hat.

Doch der in New York lebende Erfolgsautor zeigte sich auch selbst als Philanthrop: Seinen extrahierten Weisheitszahn kann man per Internet ersteigern. Für 5000 Euro erhält man als Zugabe noch ein handgeschriebenes Grünberg-Gedicht. Wenn der Deal zustande kommt, geht das Geld an Amnesty International.

In Neuss jedenfalls kann man im Rahmen der Reihe "Neuss liest" noch bis Mitte Oktober in Arnon Grünbergs Prosa "schwelgen".

Quelle: NGZ
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