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Neuss
Auf den Spuren der Museumssteine

Neuss: Auf den Spuren der Museumssteine
FOTO: Stadtarchiv Neuss
Neuss. Repräsentativ war es: mit einer großen Vortreppe, einem imposanten Säulenportal und einem Lichthof, der von einer Kuppel gekrönt wurde. Der Neubau am Markt brachte ein bisschen das Flair des antiken Griechenland nach Neuss, passte zweifellos zum bildungsbürgerlichen Anspruch, den der Bau verkörperte. Von Helga Bittner

Damals, im Jahr 1912, als das erste "Museum der Stadt Neuss" eröffnet wurde, obwohl es eigentlich noch nicht ganz fertig war. Es fehlte der Fries an der Außenfassade. Der Lichthof war noch nicht ganz umgesetzt – aber egal, dem Testament der Pauline Sels war genüge getan.

"Die Form eines griechischen Tempels" hatte sich die Witwe des Neusser Fabrikanten und Sammlers Clemens Sels in ihrem "unteilbaren Vermächtnis" gewünscht, mit dem sie der Stadt Neuss 250 000 Mark zum Bau eines städtischen Museums hinterließ, das die Gemälde- und Altertumssammlung ihres Mannes aufnehmen sollte.

Sie konnte sich offenbar sogar vorstellen, dafür das alte Zeughaus abzureißen, aber da war damals schon der Provinzial-Konservator, gewissermaßen der Vorläufer heutiger Denkmalschützer, vor, denn er sprach sich für den Erhalt des ehemaligen Observantenklosters aus.

Also wählten die Stadtväter das benachbarte Grundstück des ehemaligen städtischen Kaufhauses aus und errichteten dort unter der Leitung des Stadtbaumeisters Carl Sittel das Museum – der allerdings nicht den Siegerentwurf des ausgelobten Architekturwettbewerbs zugrunde legte, sondern den drittplatzierten Beitrag seiner Schüler Schilling und Schmitz ...

Umstände, die zu Überlegungen verleiten unter dem Motto "Was wäre, wenn ..." – zum Beispiel das Zeughaus doch abgerissen und das Museum dort gebaut worden wäre? Denn das Zeughaus hat den Krieg überstanden – wenn auch nicht unbeschadet. Womöglich also hätte das Museum den Zweiten Weltkrieg überdauert, wäre am Obertor in den 1970er Jahren kein neues gebaut worden, hätten wir heute nicht die kontroverse Diskussion über Sinn und Unsinn einer Unterschutzstellung dieses von Harald Deilmann entworfenen Baus durch die Denkmalbehörde ...

Alles nur ein müßiges Gedankenspiel, denn das von Pauline Sels gestiftete Museum hat gerade mal 31 Jahre gestanden. Im September 1943 und Januar 1944 wurde es so zerstört, dass nach Ende des Krieges ein Wiederaufbau für die neue Stadtregierung offensichtlich gar nicht erst in Frage kam. Vermutlich auch, weil die Architektur des Museums schon 1912 in der deutschen Presse starke Kritik hatte einstecken müssen, wie Jens Metzdorf, Leiter des Neusser Stadtarchivs, bei seinen Recherchen zutage brachte. Zwar hatte sich der allgemeine Unmut im deutschnationalen Lager am Vorabend des Ersten Weltkriegs vor allem an der Darstellung von Napoleon, "dem Schlächter der deutschen Freiheit", in einem Hochrelief entzündet, aber das ganze Museum bekam dabei auch sein Fett weg: Als "Ruhmeshalle von Neuß" oder als eine "Halle der Kuriositäten" wurde der Bau in Grund und Boden geschrieben.

Allerdings gab es in Neuss nach dem Zweiten Weltkrieg ohnehin keine Ambitionen, so sagt Metzdorf weiter, die im Krieg zerstörten "repräsentativen Profanbauten, Baudenkmäler wie das alte Rathaus oder Bürgerhäuser aus der Zeit der niederrheinischen Backstein-Renaissance" wiederaufzubauen. Die Ruinen des alten Museums also wurden nach 1949 abgeräumt, die Kunst soweit vorhanden gesichert – und damit ist alles nur noch Geschichte? Ja und nein, denn Jens Metzdorf hat sich auf die Spur der Museumssteine begeben und dabei festgestellt, dass etliche noch in Neuss zu finden sind.

Die Initialzündung ging dabei von der Neugestaltung des Brunnens an der Further-/Ecke Wolberostraße aus. Den kassettenartigen, 1,20 Meter hohen Betonsockel identifizierte Metzdorf als den unteren Teil einer der 14 Säulen aus dem ehemaligen Lichthof des Museums und fand dann in seinem Archiv auch zahlreiche Unterlagen, die belegen, dass die Neusser nach dem Krieg dasselbe machten wie schon ihr Vorfahren: Sie nutzen Ruinen als Steinbruch. Und so wie die steinernen Zeugnisse aus der Römerzeit in den zurückliegenden Jahrhunderten verbaut wurden, erging es auch dem alten Museum.

Als die vollständige Räumung des Trümmergrundstücks am Freithof Anfang 1949 beschlossene Sache war, griffen vor allem Oberbaurat Fritz Kloer (1880–1969) und Gartenbaurat Heinrich de Cleur (1907–1991) zu. Das Zeughaus sollte wiederhergerichtet, Treppe und Mauer wiederhergestellt werden – warum dafür nicht die nebenan liegenden Trümmerstücke nutzen? Dass also Überreste etwa mit den Tuffsteingewänden in neu entstanden Fenstern am Zeughaus heute noch erhalten sind, ist der puren Materialnot der damaligen Zeit zu verdanken und nicht etwa einer hehren Absicht, die Erinnerung an das Museum wachzuhalten, wie Metzdorf erklärt.

Und vermutlich auch dem schnell reagierenden und findigen de Cleur, der nach Metzdorfs Recherchen wohl schon vor der offiziellen Räumungsentscheidung dafür gesorgt hat, dass diverse Trümmerteile für neue städtische Vorhaben abtransportiert und gesichert wurden. So finden sich nämlich Steine des alten Museums auch in der Einfassung der kleinen Grünanlage am Bunker an Schillerstraße/Ecke Weingartstraße.

Die hatte vor allem davon profitiert, so nah am geplanten Botanischen Garten zu liegen, denn für dessen Anlage an der Bergheimer Straße wurde brauchbares Trümmermaterial eingesetzt. Statt Geld und Gut hatten die Mitarbeiter des Garten- und Friedhofamtes nur Tatkraft und alte Steine zur Verfügung. "Die umfangreichen Erd- und Baurbeiten erfolgten zum größten Teil durch Eigenleistung der Mitarbeiter", erzählt Metzdorf.

So wurden für die Treppe zum Alpinum die Stufen der alten Museumstreppe eingesetzt, und ganz einwandfrei für Metzdorf gehörte die rund 70 mal 70 Zentimeter große Steinkugel am Rande des Teiches am Pflanzenhaus einst als Zierelement zur Treppenanlage zwischen Museum und Zeughaus. Da ist sich Metzdorf genauso sicher wie im Fall des Nordstädter Brunnens (im Volksmund auch Wäschküvke – Waschkübel genannt). Einen weiteren Säulenteil aus dem Lichthof fand Metzdorf übrigens nur noch auf alten Fotos – als tragendes Element des Brunnens im Rosengarten bis in die späten 1960er Jahre hinein. Damals wurde er nach einer zerstörerischen Aktion durch "böse Buben", wie in alten Akten zu lesen ist, mit einem neuen Betonsockel wiederhergestellt.

Vermutlich, so glaubt Metzdorf, gibt es im gesamten Stadtgebiet noch etliche steinerne Relikte des ersten Neusser Museums, die nach jahrelanger Zwischenlagerung auf den Bauhöfen der Stadt in private Hände gelangt sind, "ohne dass sich die heutigen Eigentümer des Ursprungs ihrer steinernen Denkmäler bewusst sind".

Zum 100-jährigen Bestehen des Clemens-Sels-Museum, das derzeit mit vielen Aktionen gefeiert wird, "wäre zu wünschen, dass diese über 65 Jahren nach ihrer Lösung aus dem architektonischen Zusammenhang zumindest wieder in die Sammlung" des heutigen Museums zurückkehren.

Info Im Jahrbuch Novaesium 2011 (erhältlich im Buchhandel) hat Jens Metzdorf die Geschichte dieser Spurensuche aufgeschrieben.

(NGZ/rl)
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