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Neuss
Auf der Flucht vor dem Krieg Mutter und Schwester verloren

Neuss: Auf der Flucht vor dem Krieg Mutter und Schwester verloren
Sharif Kauiaia Sedigi kam vor zwei Jahren nach Deutschland. FOTO: Woi
Neuss. Die Schule beenden, eine Ausbildung machen, in einem Unternehmen zu arbeiten, einen richtigen Beruf zu haben - diese Ziele hat der 18-jährige Sharif Kauiaia Sedigi ständig vor Augen. Von Helga Bittner

Dabei hat der junge Mann, der als 16-Jähriger nach Deutschland kam, eine Fluchtgeschichte hinter sich, die andere verzweifeln lassen würde. Wenn er, der in einem Dorf in Afghanistan groß geworden ist, von seiner Familie erzählt, wird sein Ton fast nüchtern. Sein offener Blick geht dann nach unten, fixiert irgendeinen Punkt des Fußbodens. So, als ob er lieber nicht an sich heranlassen möchte, was es für ihn bedeutet, dass der Vater, der an einer Schule in Afghanistan Englisch unterrichtete, von den Taliban getötet wurde. Dass seine Mutter und seine kleine Schwester auf der Flucht gestorben sind. Ertrunken, als das Boot mit 35 Flüchtlingen auf dem Weg von der Türkei nach Griechenland kenterte. Vier Menschen haben das Unglück überlebt - Sharif ist einer von ihnen.

So gehörte er zu den sogenannten unbegleiteten jungen Flüchtlingen, kam über Kaarst-Büttgen nach Neuss, zunächst in eine Wohngemeinschaft mit anderen Jugendlichen, dann in ein Übergangsheim. Ein gutes Jahr hat er auf seine "Aufenthaltsgestattung" warten müssen. Ein Jahr, das er irgendwie herumbekommen hat, auch wenn es sehr langweilig war. Dann kam der Ausweis - und Sharif durfte endlich in die Schule.

"Ohne Schule ist das Leben nichts", sagt er, hat selbst ohne expliziten Sprachkursus im Unterricht an der Hauptschule so gut Deutsch gelernt, dass er sich fast mühelos verständlich machen kann. So ist auch gut denkbar, dass Sharif Sedigi den Schul-Weg auch weitergehen könnte als bis zum Hauptschulabschluss nach der zehnten Klasse im Sommer. Zahnarzt wollte er mal werden, aber nun dauert ihm die Ausbildung doch zu lange. So hat sich Sharif für seinen Zweitwunsch entschieden: Elektriker. Die Zusage für eine Ausbildung hat er schon in der Tasche, und er freut sich darauf. "Mit Handys und Computern kenne ich mich gut aus", sagt er, "die Elektrik ist die andere Seite." Ein Leben ohne eine Berufsausbildung ist für ihn nicht vorstellbar. Aber dafür braucht er den Schulabschluss, das weiß er auch. In Afghanistan konnte er mal zwei Wochen zur Schule gehen, dann zwei Wochen wieder nicht, weil die kriegerischen Auseinandersetzungen mit den Taliban es unmöglich machten. "Das ist kein Leben", sagt er und erklärt mit seiner eigenen Geschichte, warum aus Afghanistan so viele junge Menschen fliehen. "Das hat keine ökonomischen Gründe, auch wenn viele das glauben", sagt er fast beschwörend, "als junger Mensch muss man immer damit rechnen, von den Taliban oder den Soldaten rekrutiert zu werden, eine Zukunft hat man nicht."

Deswegen hat auch seine Mutter sich entschlossen, mit ihren Kindern zu fliehen. Zwei Cousins von Sharif leben schon seit mehr als zehn Jahren in Europa, einer in England, einer in Norwegen. Deren gute Erfahrungen hat den Vater, seinen Onkel, bewogen, Sharifs Familie zu unterstützen. "Aber meiner Mutter ist der Entschluss sehr schwer gefallen", sagt er, "sie hat sogar ihr Haus dafür verkauft."

Sharif hat seine Flucht überlebt, fühlt sich in Neuss so gut aufgenommen, dass er auf jeden Fall in der Stadt bleiben will. Mittlerweile hat er ein kleines Apartment über das Sozialamt bekommen, kann nun in Ruhe lernen: "In dem Drei-Mann-Zimmer im Wohnheim ging das einfach nicht." Freunde hat er auch schon gefunden, wird mit ihnen Silvester feiern.

Die Weihnachtszeit erlebt der Muslim nun schon zum zweiten Mal: "Weihnachten ist wie bei uns das Zuckerfest", sagt er und lacht. "Man geht in die Moschee, dann nach Hause, die Kinder bekommen Geschenke, man besucht die Familie und isst zusammen."

Quelle: NGZ
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