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Neuss
Aufmarsch der Amazonen

Neuss: Aufmarsch der Amazonen
Nackte Haut und jede Menge Körpereinsatz: Diese Choreographie heißt "Dark Meadows Suite" und stammt aus dem Jahr 1946. FOTO: Briget Pierce
Neuss. Die Martha Graham Dance Company aus New York begeistert bei den Tanzwochen in der ausverkauften Stadthalle. Dabei trifft Altes auf Neues. Von Marion Meyer

Martha Graham ist eine Tanzpionierin. Mehr als 70 Jahre lang hat sie getanzt, choreographiert und dem Genre entscheidende Impulse beschert. Ihre 1926 in New York gegründete Compagnie hat den Tod Grahams 1991 überlebt und tourt immer noch durch die Welt. Die neue künstlerische Leiterin Janet Eilber pflegt Grahams umfangreiches Repertoire, lädt aber auch zeitgenössische Choreographen ein, mit den Tänzern des Ensembles zu arbeiten. Zuletzt 2017 den Belgier Sidi Larbi Cherkaoui. Und so trifft nun in der Stadthalle Alt auf Neu, zeigt die Compagnie die ganze Bandbreite ihres Könnens mit Tanzstücken von 1936 bis heute.

Die Seele und die Mysterien der amerikanischen Ureinwohner versucht Graham in dem ersten Stück des Abends einzufangen. "Dark Meadow Suite" von 1946 wird allerdings nur in Ausschnitten getanzt. Vor blutrotem Hintergrund wie ein Sonnenuntergang im Südwesten der USA finden sich die Tänzer immer wieder zu Paaren zusammen, stampfen mit den Füßen einen Rhythmus und setzen zu gedrehten Sprüngen an. Für heutige Augen wirkt das Werk etwas folkloristisch und lässt an indianische Klischees denken. Aber als Stück Tanzgeschichte ist es absolut sehenswert.

Die zweite, sehr kurze Choreographie zeigt dagegen, wie zeitlos Tanz sein kann. "Ekstasis" von 1933 wurde nur anhand von Fotos rekonstruiert, wie Janet Eilber, die früher selbst für Graham tanzte, zu Beginn erklärt. Die Kraft kam für Graham aus dem Zentrum des Körpers, etwa aus dem Becken, was in diesem Stück einer "sich bewegenden Skulptur" mehr als deutlich wird. Eine Tänzerin steht in einem weißen, hautengen Kleid im Kegel eines Scheinwerfers. Das Becken reckt sie stark zur einen Seite, die Arme reckt sie zur anderen. Daraus entstehen geschmeidige, aber auch eckige Bewegungen, ein "Zyklus der Verzerrung", wie bei einer Schlange.

Mit "Mosaic" von Sidi Larbi Cherkaoui folgt vor der Pause noch ein Highlight. Darin reflektiert der flämische Choreograph mit marokkanischen Wurzeln zu libanesischer, syrischer und sephardischer Musik seine Verbindung zur islamischen Kultur. Die Tänzer bilden eine Gruppe, halten sich gegenseitig an den Händen fest, nur eine Frau fällt an der Seite heraus. Die Tänzer wirbeln herum zum Rhythmus der Musik, wirken wie in Trance. Nebel und seitliches Licht schaffen eine magische Atmosphäre.

Dann folgt ein Stimmungswechsel. Zu bläulichem Licht wirken die Bewegungen auf einmal abgehackt, unorganisch. Dann beginnen sie wieder zu fließen, und das mitreißende Drehen und Kreiseln setzt sich fort. Gerade bei den Pas de deux zitiert der Belgier Martha Graham und schafft schöne Reminiszenzen an die Choreographien der Grande Dame des Modern Dance.

"Chronicle", das Graham 1936 als Antwort auf den wachsenden Faschismus in Europa schuf, darf in keinem Programm der Compagnie fehlen. In dem Jahr verweigerte sie die Einladung zu den Olympischen Spielen in Berlin und entwickelte dieses dreiteilige Stück. Darin marschieren schwarz gekleidete Frauen zu Trommelwirbel auf, die Arme gereckt wie Gewehre, wehrhaft und martialisch. Auch wenn die Körpersprache heute etwas formalistisch wirkt, kann man sich der Wirkung dieses Aufmarsches der Amazonen nicht entziehen.

Quelle: NGZ
 
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