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Neuss
Aus dem eigenen Leben für die Zukunft gelernt

Neuss. Umut Ali Öksüz war als Schüler eher träge - heute kümmert er sich um Jugendliche, die sind, wie er war. Von Jascha Huschauer

Den Wendepunkt im Leben von Umut Ali Öksüz brachte ein Pflichtpraktikum. Das absolvierte er in der Dreikönigenschule und merkte: "Der Kontakt mit Menschen macht richtig Spaß." So reifte der Entschluss, Lehrer zu werden. Bis dahin war Öksüz ein schwieriger Hauptschüler. "Ich habe viel sinnlos rumgehangen, vor der Playstation gesessen und Freunde getroffen", sagt er. Verhaltensmuster, die er heute auch bei Schülern entdeckt und die er durchbrechen will.

Dafür arbeitet der 26-Jährige als Lehrer, Elternhelfer, Autor, Therapeut und Projektleiter. Anfang des Jahres hat er zusammen mit neun anderen die "Interkulturellen Projekthelden" gegründet. Die Idee dahinter: Einen Dachverband schaffen, der Projekte für Kinder mit Migrationshintergrund organisiert. "Wir wollen die Kinder von der Straße holen und ihre Talente fördern", sagt Öksüz.

Die Projekthelden haben auch viel mit seinem eigenen Leben zu tun. Öksüz wird als Sohn türkischer Eltern geboren. Wie viele Gastarbeiter-Kinder hat er Schwierigkeiten in der Schule. Nach der 10. Klasse wechselte Öksüz aufs Berufskolleg Weingartstraße. "Hauptsache nicht arbeiten", beschreibt er heute schmunzelnd seine damalige Einstellung. Dann die Wende: Um Lehrer zu werden, braucht er das Abitur. Er kämpft sich ran. Eine engagierte Lehrerin unterstützt und hilft ihm. "Dafür bin ich bis heute dankbar", sagt der 26-Jährige. Das will er nun an seine Schüler zurückgeben. Noch bevor er sein Abitur hat, gibt er schon selber Nachhilfe am Lernzentrum Novaesium. Aus dem Nachhilfeschüler ist in wenigen Monate ein Nachhilfelehrer geworden.

Öksüz besteht das Abitur, beginnt ein Lehramtsstudium in Münster. Gleichzeitig lässt er sich per Fernstudium als Türkisch-Lehrer ausbilden, arbeitet als pädagogischer Mitarbeiter, schreibt an einem Ratgeber für Lernmethoden mit, hospitiert an der WingTsun-Akademie, macht zertifizierte Ausbildungen zum Therapeuten und zum Sozialarbeiter. Bildungschancen von Kindern mit Migrationshintergrund zu stärken, ist sein Antrieb. Er weiß, dass es viele Angebote gibt. Aber: "Die Hemmschwelle ist groß", sagt Öksüz, "ich nehme Kinder an die Hand und bringe sie da hin."

Vor allem aber entwickelt er eigene Kurse: eine Kino-Woche, eine Bastelaktion in der Stadtbibliothek oder ein Kunstworkshop. Die Eltern seien vorher oft skeptisch, hinterher aber meist begeistert, sagt Öksüz. Sie merkten, dass solche Kurse das Selbstbewusstsein, die Sozialkompetenzen und die Talente ihrer Kinder fördern. Und oft gehen dann auch die schulischen Leistungen nach oben, ergänzt er.

Im Grunde gehe es nur darum, dass Migrantenkinder genau so gefördert werden, wie alle anderen Kinder. "Als die Gastarbeiter kamen, dachte man, dass sie wieder gehen werden", sagt Öksüz, "das war ein Fehler. Die Kinder wurden leider nie aufgefangen." Die Interkulturellen Projekthelden sollen helfen, diesen Fehler zu beheben - auch mit Hilfe einheimischer Familien: "Niemand soll ausgeschlossen sein", sagt er.

Quelle: NGZ
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