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Neuss
Bauverein überdenkt Prestige-Projekte

Wo in Neuss gerade abgerissen wird
Wo in Neuss gerade abgerissen wird FOTO: Woitschützke, Andreas
Neuss. Beim städtischen Tochterunternehmen deutet sich ein Paradigmenwechsel an. Auch als Bauträger soll der Bauverein Wohnraum für breite Gesellschaftsschichten errichten. Trotzdem erwirtschaftet der Bauverein 1,4 Millionen Überschuss. Von Christoph Kleinau

Die Frage "Für wen baut der Bauverein was?" ist für Bürgermeister Reiner Breuer neu gestellt. Er drängt darauf, dass auch beim bisher eher hochpreisigen Bauträgergeschäft des städtischen Tochterunternehmens der Satzungszweck des Unternehmens im Auge behalten wird: "Wohnraum für breite Schichten der Gesellschaft". Denn Vorrang hat, das wurde jetzt in einer Strategiesitzung des Aufsichtsrates noch einmal dick unterstrichen, die Schaffung von bezahlbarem Wohnraum.

Der Bedarf ist schon 2014 gutachterlich ermittelt worden - und enorm: 1300 neue Wohnungen werden bis 2030 im Stadtgebiet zusätzlich, wie zu betonen ist, benötigt. Da passt es nicht recht ins Bild, dass im vergangenen Jahr im gesamten Stadtgebiet keine einzige öffentlich geförderte Wohnung bezugsfertig wurde. Das hängt damit zusammen, erklärt Bauvereins-Vorstand Frank Lubig, dass private Investoren dieses Geschäft ganz meiden. Bei inzwischen annähernd gleichen Baukosten für öffentlich geförderte und frei finanzierte Wohnungen könnten private Investoren, die keine staatliche Hilfe in Anspruch nehmen (müssen), ganz andere Mieten aufrufen.

Der Bauverein aber sei stolz, dass die Durchschnittsmiete von 5,22 Euro je Quadratmeter auch 2015 unter dem örtlichen Mietspiegel gehalten werden konnte. Bürgermeister Breuer, der lange die Geschäftspraxis des Bauvereins kritisch kommentiert hatte, kommt daher inzwischen zu dem Schluss: "Der sozialen Verantwortung stellen sich in dieser Stadt nur der Bauverein und die Gemeinnützige Wohnungs-Genossenschaft."

Dass sich wirtschaftlicher Erfolg und Beachtung sozialer Belange nicht ausschließen müssen, belegt die Bilanz, die das Unternehmen gestern vorlegte. Bei einer Bilanzsumme von 404,690 Millionen Euro und Investitionen in einer Größenordnung von 38,4 Millionen erwirtschaftete die Gesellschaft mit ihren 118 Mitarbeitern einen Jahresüberschuss von 1,463 Millionen Euro. 1,120 Millionen davon werden an die Stadt als Hauptaktionär ausgeschüttet. Und immerhin 600.000 Euro gab der Bauverein für soziale Angebote und Dienstleistungen für die rund 21.000 Mieter in seinen derzeit 6788 Wohnungen aus.

Für Bauvereinsvorstand Frank Lubig war das vorige Jahr dadurch gekennzeichnet, die Voraussetzungen dafür zu schaffen, dass bis 2020 tausend neue Wohnungen fertig werden. Der Kauf des Alexianerareals, der Sauerkrautfabrik aber auch des Hochbunkers an der Adolf-Flecken-Straße zählen dazu. Dass 2016 ein Jahr der Umsetzung ist, schlägt sich schon in der Investitionssumme nieder, die auf etwa 69 Millionen Euro anwachsen wird. Und an der Hülchrather Straße, der Wolbero- und der Steinhausstraße werden dann auch wieder öffentlich geförderte Wohnungen fertig. Angesichts der Aufgabe, schnell neuen Wohnraum zu schaffen, "können wir es uns nicht erlauben, uns in einem Klein-Klein zu verlieren", macht Breuer klar.

Die Federführung bei den einzelnen Projekten soll daher zwischen Stadtverwaltung und Bauverein neu geregelt werden, damit, so Breuer, "man sich nicht gegenseitig blockiert". Zudem soll die Kommunikation Richtung Politik verbessert werden, damit sich der Fall "Hoher Weg" nicht wiederholt. Damals hatte der Planungsausschuss ein Bauvereins-Projekt zerlegt, wie es Breuer nennt, so dass ein neuer Architektenwettbewerb ausgelobt werden musste. Zeitverlust: ein Jahr. Nach den Ferien soll es deshalb eine Sondersitzung des Aufsichtsrates mit der Politik zum Quartier "Alexianergelände"geben. Mit 500 Wohnungen ist es das größte Vorhaben der nächsten Jahre.

Quelle: NGZ
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