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Neuss
Beethoven - zwischen Genie und Chaos

Neuss: Beethoven - zwischen Genie und Chaos
Beethoven (Bertolt Kastner) muss sich gegen die beiden Frauen Mitzi (Barbara Wegner, l.) und Fräulein Adele (Marlene Zilias) behaupten. FOTO: J. Witkowski
Neuss. Im komödiantischen Komplott "Sonate ins Herz" ist der die Klassik unerreichbar prägende Komponist auf lautstarker Suche nach Inspiration. Denn das Leben mit Widmungskompositionen für den Wiener Adel befriedigt nicht. Von Hansgeorg Marzinkowski

"Sonate ins Herz" - ein komödiantisches Komplott rund um Beethoven - feierte am Wochenende im Theater am Schlachthof (TaS) Premiere. Auch musikalisch weniger interessierte Besucher lernten den die Klassik unerreichbar prägenden Komponisten als Unikum zwischen Genie und Chaos kennen. Das von Markus Andrae geschriebene Stück - der künstlerische Leiter des TaS (auch Regie) hat ein besonderes Faible fürs Musiktheater - spielt in einem Zimmer seiner letzten Wohnung in Wien.

Die neunte Sinfonie ist gerade (1824) triumphal uraufgeführt worden, seit Jahren leidet der Meister unter völliger Taubheit, die nur noch schriftliche Verständigung zulässt. Er ist auf lautstarker Suche nach Inspiration, denn das Leben mit Widmungskompositionen für den Wiener Adel befriedigt nicht. "Ein Künstler ohne eine Idee ist quasi schon tot", poltert lautstark Bertolt Kastner, der dem alterskranken van Beethoven höchst vital Temperament verleiht.

In diesem Unruhestand ist ausgerechnet Beethovens Magd Mitzi Hilfe, die in den chaotischen Haushalt ein wenig Ordnung bringt. Aber "Hände weg von allem, was nach Unrat ausschaut", diktiert der Patron. Barbara Wegener als Mitzi mutiert blitzschnell von einer Tastensucherin am E-Flügel im karg ausgestatteten Zimmer zu einer recht passablen Begleiterin von Beethoven-Sonaten, die live gespielt werden.

Denn Fräulein Adele "von" ist adlige Bewunderin, die regelmäßig Kompositionen, auch eine Hochzeitssonate für Violine und Klavier, bestellt. Ihre Rolle verkörpert brillant Marlene Zilias. Tatsächlich hat die Kölner Schauspielerin an der Frankfurter Musikhochschule Geige studiert, und so werden die Duette zum hörenswerten Erlebnis.

Im zweiten Teil dominiert allerdings das Liebesleben der beiden Damen, die unglücklich verbandelt sind. Mitzi liebt einen Adligen, die künftige Baronesse aber einen Hauslehrer - das ist gegen jede Contenance der damaligen Zeit. Beethoven löst das Problem, beide Damen heiraten standesgemäß und ziehen in eine WG: Dort sind die Partner dann wieder austauschbar. Beethoven, der im Stück ausnahmslos auch außerhalb seiner Wohnung auf dicken Wollsocken unterwegs ist, frohlockt: "Die feine Gesellschaft genarrt, eine letzte Sonate geschrieben, die zehnte Sinfonie im Kopf, das ist ein bisschen Revolution im Leben."

Markus Andrae packt arg viel in das "Komplott um Beethoven", den alterskranken unzufriedenen Beethoven, die französische Revolution und die "Rechte der Frau". Im Zentrum des Stückes steht neben Beethoven auch Olympe de Gouges, aus deren Schrift "Erklärung der Rechte der Frau und Bürgerin" oftmals zitiert wird. Die erste echte Frauenrechtlerin forderte die staatsbürgerliche Gleichstellung der Frauen während der französischen Revolution 1791, wurde aber zwei Jahre später durch die Guillotine hingerichtet.

Regie und Produktion des Stücks im TaS sorgen für viel Bewegung. Dabei bringt gelungene Abwechslung in den Bewegungsabläufen eine attraktive Videoinstallation (Fabian Schulz) im zweiten Teil.

Quelle: NGZ
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