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Neuss
Bei Notfällen sind starke Nerven gefragt

Neuss: Bei Notfällen sind starke Nerven gefragt
Philipp Lechner (32) arbeitet seit einem Jahr auf der Intensivstation des Lukaskrankenhauses. FOTO: Anja Tinter
Neuss. Internist Philipp Lechner leistet in der Zentralambulanz des "Lukas" Zwölf-Stunden-Schichten. Pro Jahr sind es dort 56.000 Patienten.

Er ist jung, wirkt dennoch routiniert und hat starke Nerven. Die braucht Philipp Lechner an seinem Arbeitsplatz im Lukaskrankenhaus auch. Der Internist (32) arbeitet in der Zentralambulanz der Klinik. 56.000 Patienten sind es dort pro Jahr - Notfälle und Zugewiesene, außerdem zunehmend Männer und Frauen, die eigenständig kommen: oft in Sorge und mit Schmerzen. Dass die Zahlen in die Höhe schnellen, hat viele Gründe. Dazu zählt, dass Patienten lieber einige Stunden in der Zentralambulanz warten statt Wochen auf einen Termin beim niedergelassenen Arzt - so sagen sie es auch ganz offen.

Philipp Lechner ("Der Doktortitel ist in der Mache") kommentiert das nicht. In dieser Schicht von 8 bis 20 Uhr hat er ohnehin wieder einmal wenig Zeit zum Plausch. Von der Nachtschicht hat er eine Frau mit einer Blutdruckentgleisung übernommen, die der Notarzt gebracht hat. Sie hat Schmerzen im Brustkorb. Er klärt ab: Braucht sie einen Kardiologen? Den Chirurgen? Oder ist die Ursache "banal", wie er es ausdrückt?

Eine andere Frau wartet, sie wurde vom Hausarzt überwiesen. Schwindelattacken, langsame Herzfrequenz, es zeigen sich hochgradige Herzrhythmusstörungen und weitere Indikatoren, die dem Internisten bedeuten: Diese Patientin muss auf die Intensivstation der Kardiologen. Ein kurzes Telefonat, die Kollegen bereiten alles vor, zwei Minuten später ist die Frau versorgt.

Diese Notfälle müssen den anderen Menschen im großen Wartebereich vorgezogen werden. "Dass es nicht immer streng nach Reihenfolge gehen kann, will nicht jeder akzeptieren", berichtet der Internist. "Dann sage ich manchmal: ,Seien Sie froh, dass Sie nicht gleich dran sind. Das heißt meist nichts Gutes.'" Eine Schwester ergänzt: "Wir erleben hier richtig viel Aggressivität."

Inzwischen ist wieder ein Rettungswagen vorgefahren. Er bringt einen Mann für den chirurgischen Kollegen, der schon im Schockraum wartet. Der große Wartebereich ist voll, alle 17 Untersuchungszimmer sind belegt. "Normal", sagt Lechner. Vielleicht gibt es am Mittag eine etwas ruhigere Phase. Ein Mann mit Verdacht auf Lungenentzündung. Eine Frau mit beginnender Wasseransammlung in der Lunge. Eine alte Dame ist gestürzt. Soll sie auf die Geriatrie aufgenommen werden?

Wieder das Martinshorn. Man kennt sich. Fahrer, Notarzt, Schwestern, Ärzte in der Ambulanz - ein Team. Kurz, doch ohne Hektik tauschen sich der Notarzt und Lechner aus. Eine Frau mit beginnender Luftnot, brodelnde Rasselgeräusche, Blutdruck über 200. Gespräch mit der Frau, Röntgen, Labordiagnostik, ein freies Bett: Lechner organisiert. Übernimmt dann einen kardiologischen Patienten aus dem Kreiskrankenhaus Grevenbroich. Dessen Zustand hat sich verschlechtert, er wird in die Ambulanz gebracht, dann weiter versorgt.

Erneuter Anruf vom Notarzt: eine syrische Frau aus einem Flüchtlingsheim. Sie hustet stark, Verdacht auf Tuberkulose (TBC). In acht Minuten wird der Notarztwagen vorfahren. Die Beteiligten stellen sich auf eine Isolierung ein. Die Umstände sind schwierig. Der Frau spricht nur Arabisch, ihr Mann aber Englisch. Die Kranke will sich nicht von einem Mann untersuchen lassen, ist aufgeregt. Später stellt sich heraus: Keine TBC, die Frau ist unter Stress zusammengebrochen, hat eine Rippenprellung. Lechner wünscht sich mehr Zeit - und in diesem Fall auch einen Dolmetscher. Dennoch haben er und die Schwestern die Frau beruhigen können.

Bis zum Ende seiner Schicht hat der Internist 15 Patienten untersucht und versorgt. "Es können auch schon mal doppelt so viele sein", sagt er. Ein Jahr arbeitet er jetzt in der Zentralambulanz. Die Ruhe, erklärt er, habe er sich antrainiert. "Wir alle hier arbeiten sehr gut im Team zusammen, erst recht, wenn es stressig wird", sagt er.

Der 32-Jährige ist Neusser: Geboren im "Lukas", aufgewachsen in Hoisten, Quirinus-Gymnasium, Zivildienst beim Roten Kreuz, Rettungsassistent. Nach dem Studium in Köln kam er ans "Lukas". "Es ist wirklich gut hier", sagt er.

Quelle: NGZ
 
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