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Neuss
Bekenntnis zur kulturellen Vielfalt

Neuss. Kulturpolitik im Wahlkampf? Die Diskussion mit den drei Bürgermeister-Kandidaten Susanne Benary-Höck (Grüne), Reiner Breuer (SPD) und Thomas Nickel (CDU) im RLT zeigte, dass den Neussern dieses Thema am Herzen liegt. Von Susanne Niemöhlmann

In einem wesentlichen Punkt sind sich drei Kandidaten für das Bürgermeisteramt einig: Neuss verfügt über eine große kulturelle Vielfalt, die es unbedingt zu erhalten, wenn möglich noch auszuweiten gilt. Wie das im Einzelnen aber aussehen soll, darüber gehen die Vorstellungen dann doch auseinander. Auch das ist ein wichtiges Ergebnis der Diskussion, bei der die Kandidaten der großen Ratsparteien CDU, SPD und Grüne nur wenige Tage vor der Wahl des neuen Neusser Bürgermeisters zusammentrafen. Neben der Erkenntnis, dass Kulturpolitik offenbar einen nicht zu unterschätzenden Stellenwert in der Gesellschaft genießt, denn das Foyer des Rheinischen Landestheaters war hervorragend besucht - mit mehr als 150 Zuhörern. Organisiert hatten die von NGZ-Kulturredakteurin Helga Bittner und Redaktionsleiter Ludger Baten moderierte Veranstaltung federführend der Museumsverein mit Armin Badort und der Förderverein des RLT unter Vorsitz von Joachim Rulfs an der Spitze.

Wie sie die kulturelle Identität der Stadt Neuss in Abgrenzung zu den umliegenden Städten definierten, wollte Ludger Baten eingangs von den drei Kandidaten wissen. Um es gleich zu sagen: Den zweiten Teil der Frage beantwortete keiner der Dreien so richtig. Zwar lobte Susanne Benary-Höck (Grüne) die gelungene Verbindung von Moderne und Tradition, verlor sich ansonsten aber im Detail, als sie in akribischer Fleißarbeit nahezu jedes Kulturangebot in Neuss auflistete. Eloquenter war da Reiner Breuer (SPD). Es gebe nicht die eine kulturelle Identität, vielmehr sei die Summe der kulturellen Einrichtungen identitätsstiftend. "Neuss ist multikulturell - und das ist gut so", schloss er. Am nächsten dran an einer Antwort war noch Thomas Nickel (CDU), der Neuss als Teil einer der spannendsten Kulturregionen in Deutschland sieht. Auch er hob das Miteinander von sogenannter Hochkultur, alternativer Kunstszene und Brauchtum hervor und erinnerte an wichtige Weichenstellungen während der 1980er und 1990er Jahre unter dem (CDU-)Duo Reinartz/Grosse-Brockhoff an der Stadtspitze.

Da hakte sogleich Moderatorin Helga Bittner ein: Seit den 1980er Jahren sei ja auch nicht mehr so viel passiert, mahnte sie an und fragte, ob man sich auf dem Erreichten ausruhen oder nicht neue Visionen entwickeln wolle. Während Nickel das Kulturforum Alte Post stärken möchte (auch ein "Kind" der 1980er Jahre), sprach sich Benary-Höck dafür aus, Kindern einen kostenfreien Zugang zu Museen und Theatern zu ermöglichen und historische Orte in Neuss deutlicher sichtbar zu machen.

Den Vorschlag aus dem Veranstalterkreis, einen Kulturentwicklungsplan aufzustellen, begrüßten alle Gesprächspartner. Während Breuer sich klare Zielvereinbarungen vorstellen kann, um den Kultureinrichtungen eine verlässliche Planung zu ermöglichen ("Wir müssen Schwerpunkte setzen und dann auch mal Geld in die Hand nehmen"), setzt Nickel auf Synergieeffekte, die sich aus der Zusammenarbeit der Institutionen ergeben könnten. "Wir müssen die Kultur zu den Menschen bringen", betonte Nickel.

Mehr Geld für die Kultur auf Kosten der Sozialausgaben? "Kulturpolitik kann auch Sozialpolitik sein", meinte Reiner Breuer. Ähnlich sah es Thomas Nickel: "Man sollte Kultur und Soziales nie gegeneinander ausspielen. Das betrifft doch oft dieselben Menschen." Deutlich Fahrt nahm die Diskussion auf, als es um Kultursponsoring ging. Während Nickel dies ausdrücklich begrüßt, kritisiert Breuer zumindest die seiner Meinung nach undurchsichtige Spendenvergabepraxis kommunaler Unternehmen und plädierte für mehr Transparenz. Die sei gegeben, konterte Nickel mit Verweis auf die auch mit Kommunalpolitikern besetzten Aufsichtsgremien der städtischen Töchter.

Ausgesprochen spannend war Breuers Idee eines Museums-Neubaus am Platz der bisherigen Münsterschule: Damit wäre nicht nur das Raumproblem des Deilmann-Baus am Obertor gelöst. Ein "städtebaulicher Wurf" im Schatten des Münsters würde nach Breuers Meinung auch die Diskussion um Emissionsbelastungen aus dem Hafen angesichts der bisher geplanten Wohnbebauung beenden: "Hier ließe sich eine historische Chance ergreifen." Ein Vorschlag, dessen Charme sich die beiden anderen Kandidaten nicht entziehen konnten.

Unterstützung kleiner, freier Kulturangebote (immer wieder wurde das Theater am Schlachthof als Musterbeispiel genannt), die Zukunft der Alten Post, der Stellenwert der Kirchenmusik oder die Förderung von Künstlern durch Ateliers und Probenräume - das konzentriert zuhörende Publikum hatte zahlreiche konkrete Fragen an die Kandidaten, die sich nur selten in rhetorische Allgemeinplätze flüchteten. "Warum spielte die Kulturpolitik bisher im Wahlkampf keine Rolle?", hatte ein Zuschauer wissen wollen. Nach diesem hochinteressanten Abend stellt sich diese Frage noch deutlicher als zuvor.

Quelle: NGZ
 
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