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Neuss
Bilder, die in Zukunft Geschichte sind

Neuss: Bilder, die in Zukunft Geschichte sind
Vor dem Umbau des Marianums durfte Rolf Lüpertz einen Blick ins Gebäude werfen - dabei hat der Fotograf sogar ein altes Lexikon entdeckt. FOTO: Rolf Lüpertz
Neuss. Für das Stadtarchiv dokumentiert Rolf Lüpertz mit seiner Kamera die Veränderungen in der Stadt. Von Dagmar Fischbach

Wenn irgendwo in Neuss ein Haus zum Abriss steht, ist Rolf Lüpertz mit seiner Kamera zur Stelle. "Ich fotografiere das Gebäude meist von außen. Oft aber auch innen bis ins kleinste Detail", erzählt er.

Wie jetzt im Edith-Stein-Haus an der Schwannstraße. Das Gebäude des Familienforums aus dem Jahr 1964 wird in einigen Monaten Geschichte sein. Bis 2018 soll es an gleicher Stelle neu aufgebaut werden. Lüpertz fotografiert Treppengeländer und Türen. "Das ist noch original aus dem Baujahr", sagt er.

Das Haus an der Schwannstraße 32 steht inzwischen nicht mehr.

Was nach einem verrückten Hobby klingt, ist in Wahrheit ehrenamtliche Arbeit. Rolf Lüpertz dokumentiert Abriss-Häuser fürs Stadtarchiv. "Wir bekommen immer wieder Anfragen von Bürgern, die nach Bildern von bestimmten Häusern suchen", erklärt Stadtarchiv-Leiter Jens Metzdorf. Nicht allen können er und seine Mitarbeiter helfen. Denn systematisch fotografiert werden Abrisshäuser erst seit rund 20 Jahren. "Fotos aus der Zeit davor sind meist Zufallsprodukte. Schnappschüsse, die uns von Bürgern zur Verfügung gestellt werden", so Metzdorf.

Das Bildarchiv im Gedächtnis der Stadt reiche zwar bis ins 19. Jahrhundert zurück, doch zeigten die Häuser-Aufnahmen oft Markt und Hauptstraßenzug. "Schon die Seitenstraßen in der Innenstadt sind selten abgebildet. Aus den Stadtteilen haben wir kaum Bilder von Straßenzügen oder gar einzelnen Gebäuden", erklärt Metzdorf. Die Historiker freuen sich deshalb, wenn ihnen Bilder zur Verfügung gestellt werden. "Wenn zum Beispiel die Ur-Großeltern vor ihrem Haus fotografiert worden sind, kann das ein historisches Dokument sein", so Metzdorf.

FOTO: Rolf Lüpertz

Um das sich verändernde Gesicht der Stadt festzuhalten, habe das Archiv vor rund 20 Jahren damit begonnen, die Neusser Abrisshäuser von ehrenamtlichen Hobby-Fotografen dokumentieren zu lassen. Rolf Lüpertz ist seit rund zehn Jahren dabei.

"Ich habe bisher rund 200 Gebäude fotografiert, sowohl öffentliche Bauten als auch Privathäuser", sagt er. Dabei betrete er nie private Grundstücke oder abgesperrte Baustellen. "Ich fotografiere nur im öffentlichen Straßenraum oder mit Genehmigung", erklärt er. Dennoch sei er nicht überall willkommen. "Als ich eine zum Abriss stehende Fabrik im Neusser Hafen fotografierte, wurde ich vom Sicherheitsdienst energisch des Geländes verwiesen. Er fürchtete offenbar Industriespionage. Obwohl ich erklärte, dass die Bilder fürs Stadtarchiv sind", erinnert er sich. Meist würde er aber bei seiner Arbeit unterstützt. "Vor dem Umbau des Marianums hat mich der Hausmeister durch das ganze Gebäude geführt. Ich konnte wirklich alles knipsen. Es war sehr beeindruckend. Und ich habe ein uraltes Lexikon entdeckt. Das durfte ich sogar behalten", erzählt Lüpertz erfreut.

Fotograf Rolf Lüpertz vor dem Edith-Stein-Haus an der Schwannstraße. FOTO: woitschützke

Der ehemalige Banker hat ein Herz für Geschichten und Geschichte. Neben seinem Job fürs Stadtarchiv bietet er auch historische Führungen durch Neuss an.

"Wenn ich ein zum Abriss stehendes Gebäude knipse, blutet mir oft das Herz. Wie bei einem Privathaus außerhalb der Stadt. Es war wunderschön, mit Ornamenten reich verziert. Aber es musste einem Neubau weichen", erzählt er.

So wie auch die Wehrhahn-Villa an der Elisenstraße. Das leerstehende Haus macht Platz für zwei neue Wohngebäude mit insgesamt 33 Wohnungen. "Die Stadt verändert sich. So ist das Leben. Das lässt sich nicht aufhalten, nur dokumentieren", stellt Lüpertz fest.

So wie im Edith-Stein-Haus. Nach einer Stunde hat Lüpertz seine Bilder im Kasten. Jetzt können die Bagger anrollen.

Quelle: NGZ
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