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Neuss
Bildhauer lotet die Grenzen der Kunst aus

Neuss: Bildhauer lotet die Grenzen der Kunst aus
Wie eine Schlingpflanze wirkt diese jüngst entstandene Arbeit von Peter Müller. Verwendet hat er jedoch Metallbänder, die er gebogen hat. FOTO: Woi
Neuss. Peter Müller zeigt im Ausstellungsraum des städtischen Atelierhauses Arbeiten, die einen Querschnitt aus zwei Jahren darstellen. Von Helga Bittner

Die Arbeit ist so neu, dass sie noch nicht mal einen Namen hat. Dabei ist dem Künstler Peter Müller wichtig, dass seine Werke Titel tragen. "Eine Arbeit ohne Titel ist ohne Inhalt", sagt der Bildhauer, der sein Atelier seit rund zwei Jahren im städtischen Atelierhaus hat und mit seiner Familie auch in Neuss lebt. Nun bespielt er den Ausstellungsraum an der Hansastraße. Professionell und dennoch auch unter Stress, denn zeitgleich richtet er in Frankfurt eine Ausstellung mit seiner Kunst ein. Die ist fragil und stark zugleich - wie das "Beziehungsgeflecht" aus Bambusholz, das bemerkenswert stabil auf dem Boden des Ausstellungsraums steht.

Müller, Meisterschüler von Tony Cragg an der Kunstakademie Düsseldorf, entwickelt ständig neue Formen, aber zeigt dabei eine unverkennbar eigene Handschrift. Die noch namenlose Skulptur zum Beispiel ist eine Fortführung von kleineren Arbeit mit Bändern aus Metall, die ihre Farbe in den Facetten des Regenbogens dank Pulverbeschichtung bekommen haben. Für die noch namenlose hat er selbst zum Pinsel gegriffen und lackiert: in einem kräftigen Grün, das nach hinten in ein Türkis übergeht. Die farbigen Skulpturen sind auch das Ergebnis einer künstlerischen Grenzerkundung, denn Peter Müller lotet aus, wie sich Bildhauerei, Malerei und auch Fotografie in einem Werk bündeln lassen. "Duktus" hat er die kleineren Werke benannt und sie zu einer Reihe von "Ikea Pieces" zusammengefasst. Ikea? "Ja", sagt Müller und schmunzelt, "ich habe mich gefragt, wo meine Kunst landet. Wahrscheinlich auf Ikea-Regalen ..."

Aus Gedanken wie diesen entstehen immer wieder neue Werke. In der rechten Ecke des Ausstellungsraums steht zum Beispiel ein Konstrukt aus verschlungenen - Brio-Eisenbahnschienen. Sie stammen aus dem Kinderzimmer der Familie Müller, der Künstler hat die Holzschienen zu einer Endlosachterbahn ohne Anfang und ohne Ende geklebt und gebogen, aber nicht weiter behandelt, so dass hier und da noch die Schreib- und Malversuche von Müller junior zu sehen sind.

Müller sieht oder hört etwas - und schon wächst in ihm die Idee zu einem neuen Werk. Unübersehbar ist etwa ein überdimensioniertes Geweih an der Wand. Seine "Kunsttrophäe", wie Müller sagt. Initiiert durch ein Interview mit dem englischen Künstler Damien Hirst, der darin mit Namen von Künstlern hausierte, von denen er Werke besitzt. Für Müller klang das nach einer Aufzählung von Trophäen - Kunsttrophäen eben. Und so kam er auf das Geweih, schraubte und klebte gleich mehrere (von verschiedenem Wild) aneinander. Das Werk ist dabei so schwer geworden, dass einer allein es nicht hängen könnte.

Das Material spielt in Müllers Kunst eine entscheidende Rolle. Ständig scannt der 34-Jährige sein Umfeld auf Dinge, die er verarbeiten kann. Auf Trödelmarkten kauft er alte Bilder, die er weiterverarbeitet etwa zu einer Art Relief, indem er sie bemalt und Geflechte aus ihnen herausschneidet, die er wiederum auf die veränderten Bilder legt. Nur aus der Ferne wirken sie flächig hinter ihrem Glas, aus der Nähe erinnern sie an Schiebekulissen im Papptheater. Oder die alten Gemälde werden zur neuen Außenhaut einer Holzskulptur, von ihm mit dem Pinsel so verändert, das oben, unten, rechts, links ständig neue Bilder zu entdecken sind.

Quelle: NGZ
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