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Neuss
Blind durch die Stadt

Neuss: Blind durch die Stadt
Jörg Schmitz orientiert sich an den "taktilen Streifen", die in den Boden eingelassen sind. FOTO: Berns
Neuss. Wenn Jörg Schmitz durch die Stadt geht, können Kleiderständer oder Kanaldeckel zum Problem werden. Schmitz ist fast blind – auf einem Spaziergang durch Neuss erzählt er von Hindernissen und Hilfsbereitschaft. Von Anne Odendahl

Neu eingerichtete Baustellen, Treppen mit ungleichen Stufen – das sind Hindernisse für Jörg Schmitz, wenn er durch Neuss geht. Schmitz ist blind und 2. Vorsitzender des Blinden- und Sehbehindertenverein für den Rhein Kreis Neuss. Auf einem Spaziergang durch die Stadt erklärt er, womit Menschen mit eingeschränkter Sehfähigkeit in Neuss zurechtkommen müssen.

Auf dem Hauptstraßenzug in Neuss sind Rillen in den Boden eingelassen. "Taktile Streifen" heißen sie und sind praktisch für all die sehbehinderten Menschen, die den Taststock besitzen, sagt Jörg Schmitz. Er aber hat keinen Taststock, weil sein Arzt ihm keinen verschrieb. Der Grund: Auf einem Auge besitzt Schmitz noch fünf Prozent Sehkraft. "Ohne diesen speziellen Stock, brauche ich farblich klar abgehobene Linien, um mich zurechtzufinden", sagt er. Aber die Rillen auf dem Boden der Innenstadt machen andere Probleme: "Sie sind erstens ständig durch Kanaldeckel oder ähnliches unterbrochen und viel zu nah an Laternenpfählen oder Hinweisschildern gebaut, sodass ich an diese stoßen würde." Problematisch ist auch, wenn Werbeschilder der Geschäfte oder Ware auf den Streifen stehen. Man stieße da selten auf verständnisvolle Verkäufer, sagt der 68-Jährige, der Erfahrungsberichte von anderen Sehbehinderten kennt.

Beim Einkaufen in der Stadt allerdings seien die Verkäufer immer hilfsbereit und "betuppten" einen auch nicht, etwa beim Bezahlen. Bauarbeiten und auch Lieferwagen, die sich nicht an die vorgeschriebenen Lieferzeiten halten, stellen Hindernisse dar. Da muss sich der Blinde oder Sehbehinderte auf seine Mitmenschen verlassen. Diese Hilfe ist besonders dann nötig, wenn Treppenstufen nur ein unterbrochenes oder kein Gelände besitzen. "In Neuss gibt es nicht viele Treppen, aber ich laufe sowieso immer nur dort entlang, wo ich mich auskenne.", erzählt Schmitz.

Auf die Kirmes oder das Hansefest geht er nie alleine. Auch dann nicht, wenn er das Areal kennt: "Zu viel Gedrängel, in dem ich mich nicht zurechtfinden kann."

Auch, dass Passanten sich aufregen, weil Schmitz sie versehentlich anrempelt, kommt vor. "Das passiert nicht oft, aber vielleicht liegt es auch daran, dass das gelb unterlegte Zeichen mit den drei Punkten nur für Deutschland gilt und nicht das hellblaue Internationale ist." Er trägt die Bnde und den Button an der Jacke, aber viele seiner Bekannten, vor allem Frauen, möchten das nicht. Schmitz sieht sich da als Aufklärer. Man müsse Leuten bewusst machen, dass es Menschen mit Sehbehinderung gibt.

Jörg Schmitz dreht jeden Tag seine Runde durch die Neusser Innenstadt. Und tastet sich vorbei an neuen Baustellen und ungleichen Treppen.

Quelle: NGZ
 
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