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Neuss
Borquez sucht die Grenzen der Intimität

Neuss: Borquez sucht die Grenzen der Intimität
"Miradas robadas", also "gestohlene Blicke", heißt die Schau des Künstlers Fabio Borquez. Sie ist ab Sonntag im Kulturforum Alte Post zu sehen. Gezeigt werden kontrastreiche Porträts von Menschen aus der ganzen Welt. FOTO: Anja Tinter
Neuss. Das Kulturforum Alte Post zeigt in der Ausstellung "Miradas robadas" ab Sonntag einige Werke des argentinischen Künstlers Fabio Borquez (52). Auf seinen Bildern erzählen Menschen Geschichten - und zwar mit Blicken. Von Jessica Balleer

Fabio Borquez ist ein Dieb. Wenn der argentinische Künstler ein Foto haben will, dann hat er neben seiner Kamera immer auch eine Handvoll Lügen mit dabei. Weil er die Menschen unbedingt davon überzeugen will, dass er dieses Foto jetzt wirklich braucht. Es ist ihre Geschichte, die Fabio Borquez erzählen will. Und darum porträtiert er am liebsten nur Menschen. Die Porträtierten geben ihm vorher ihr Einverständnis, deshalb ist Borquez nicht auf der Flucht. Vielmehr ist der 52-Jährige auf der Suche. Er sucht nach der Antwort auf den Sinn des Seins. Einige Antworten hat er gefunden, und er hat sie mitgebracht ins Kulturforum Alte Post.

Borquez' Diebesgut sind Momente und Geschichten. Die sind in der Ausstellung "Miradas robadas" auf drei Tischen und großen, weißen Leinwänden ab Sonntag in Neuss zu sehen. Der Titel der Ausstellung bedeutet übersetzt "gestohlene Blicke" - und man muss das wirklich erlebt haben: Wenn der Betrachter vor diesen Porträts steht, und die Menschen darauf mit ihren Augen ihre Lebensgeschichte erzählen. Groll, Trauer, Liebe und Zufriedenheit meint der Betrachter zu erkennen. Egal, ob es die Augen einer alten Bäuerin, von Kindern in afrikanischen Slums sind oder diese lasziven, nackten Frauen, die einen ansehen. "Miradas robadas" ist eine Schau der Kontraste.

Für seine erotischen Motive ist Fabio Borquez längst bekannt. In seiner Aktfotografie, das erhofft sich der Künstler, soll man die Nacktheit aber nur als zweite Ebene verstehen. Der Betrachter soll erkennen, wie die Porträts insgesamt inszeniert sind. "Diese Frauen sind ja kein Stück Fleisch. Sie zeigen ihre Weiblichkeit, und sie präsentieren sich und das Leben", sagt der Künstler. Die Ausstellung in der Alten Post ist weder themenbezogen noch konzentriert. Sie ist ein Abbild dessen, was Borquez auf seinen Reisen gesehen hat.

Viele Motive hat Fabio Borquez in Afrika, Indien und Lateinamerika entdeckt. Stipendien führten ihn nach seinem Kunst- und Architekturstudium in Buenos Aires hinaus in die Welt. Er hat seither Fotostrecken für Magazine entworfen und an Kunstaktionen wie den Düsseldorfer "Kunstpunkten" mitgewirkt. Die Liebe führte den 52-Jährigen vor vielen Jahren an den Rhein. Borquez, der mittlerweile in Mönchengladbach lebt, hat der Kunstszene in Neuss schon häufiger seinen Stempel aufgedrückt. Dabei ist er selbst noch immer ein Suchender, der die Menschen für seine Porträts aus reiner Faszination für ihre Situation aussucht - und dabei immer die Grenzen der Intimität hinterfragt.

Dass Borquez Architekt ist, zeigt sich im ersten Stock der Alten Post. "Inszenierungen in der Architektur", nennt Kurator Klaus Richter das Genre. Viel eindrücklicher aber sind die drei anderen Stile im Erdgeschoss. Gleich im Entree stehen lange Tische mit Fotografien. An der Wand drei Leinwände: Die erste zeigt einen alten, argentinischen Architekten, der zeichnet. In der Mitte ist das Bild einer nackten, jungen Frau. Und ganz rechts ein Junge, der Geldscheine hält. Borquez hat Kinder und Alte, Nackte und Bekleidete, Slums und Menschen in modernen Städten abgelichtet. Er sucht seine Motive nach eigener Neugierde aus, weil sie ihn "verwundern", wie er sagt. Wenn die Augen eines Menschen mit ihm sprechen, dann will er die Situation mit ihrem Einverständnis festhalten, einsammeln und auch mitnehmen.

Diese Ausstellung ist ein Gegenleben zur flüchtigen Handyfotografie. Statt Tausend Bilder zu schießen, die sich danach dann niemand mehr ansieht, versucht Fabio Borquez nur das eine Foto zu schießen. Das aber soll das perfekte Porträt sein. "Fabio hat immer diesen fotografischen Blick, das ist so spannend an der Arbeit mit ihm", sagt Kurator Klaus Richter. Er hatte die Qual der Wahl, die spannendsten Geschichten hinter den Werken zu erkennen. Es scheint ihm gelungen zu sein.

Quelle: NGZ
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