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Neuss
Brasilianische Lebenslust explodiert im Tanz

Neuss. Mit begeistertem Jubel reagierte das Publikum bei den Tanzwochen auf den Auftritt der Grupo Corpo aus Brasilien . Von Regina Goldlücke

Eine klobige weiße Wand, geformt wie ein Gletscher, begrenzt den hinteren Bühnenraum. In rascher Folge eilen einzeln, zu zweit oder zu dritt 20 Tänzer herein. Ihre eckigen Bewegungen erinnern an Marionetten und wirken zugleich verblüffend leichtfüßig. Geschäftig kullern, schleifen, robben und wälzen sie sich auf dem Boden oder springen über imaginäre Hindernisse. Eine lange Zeit berührt sich niemand. Bis es beim Pas de deux zweier Frauen ganz zum Schluss dann doch geschieht und bald darauf eine zarte Tänzerin wie eine Puppe auf den Armen starker Männer weitergereicht wird.

Gebannt verfolgt das kundige Publikum in der ausverkauften Stadthalle die "Suite Branca" der brasilianischen Grupo Corpo. Gegründet wurde die einzigartige Company 1975 in der Millionenstadt Belo Horizonte. Mit dem Anspruch, einen "tänzerischen Gesamtkörper" zu formen, fand sie zu ihrem unverwechselbaren Stil: einem energiegeladenen Mix aus hochkomplexen Bewegungsabläufen und Passagen mit anmutiger Leichtigkeit. Seit über 20 Jahren tourt die Grupo Corpo durch die Welt und gastierte nun nach 1994 und 2000 bereits zum dritten Mal bei den Internationalen Tanzwochen Neuss.

Die erquickende Darbietung in "Suite Branca" wird begleitet von der soghaften Musik, die Samuel Rosa komponierte. Manchmal wummert sie wie dumpfe Glockenschläge, dann wieder schwingt sie sich fröhlich auf und beflügelt den Tanz mit heiteren folkloristischen Klängen. Eine gute halbe Stunde dauert das von Cassie Abranches choreographierte und heftig beklatschte Spektakel.

Nach der Pause ändert sich das Bild. Für "Parabelo", ein Stück über Kampf und Versöhnung, Armut und Reichtum, wird die dunkle Bühne zunächst nur spärlich ausgeleuchtet. Auch die Truppe trägt Schwarz. Unter den hautengen, transparenten Trikots scheinen die angespannten Muskeln der Tänzer durch. Bei suggestiv stampfender Musik krabbeln sie vorwärts und rückwärts wie Insekten. Hat man je diese Art der Fortbewegung gesehen? Unter flackernden Lichtern entfaltet sich ein klagender Pas de deux. Die tragisch umflorte Szene unterstreicht den Bezug zum Stück: "Parabelo" ist der portugiesische Begriff für die Automatik-Pistole Parabellum.

Doch Gewalt ist allenfalls andeutungsweise im Spiel. Sie wird bezwungen durch brasilianische Lebenslust, die in der Schluss-Sequenz förmlich explodiert. Die Tänzer sind jetzt in Feuerfarben gekleidet. In Gelb, Orange und Rot züngeln sie wie lodernde Flammen über die Bühne und entfachen einen mitreißenden Strudel. Der Jubel und das Trampeln des Publikums wollen nach dieser Performance kein Ende nehmen.

Am 16. Dezember werden die Tanzwochen Neuss mit dem Auftritt des Malandain Balletts aus dem spanischen Biarritz fortgesetzt.

Quelle: NGZ
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