Expo-Real

Breuer: Neue Ideen und mehr Mut für Neuss

Der zweite Messetag bei der Expo Real in München ist der "Neuss-Tag", daran hielt Bürgermeister Reiner Breuer (vorn, 2.v.l.) auch nach dem Wechsel der Stadt Neuss an den Stand der Kommunen des Mittleren Niederrheins fest. Schon Tradition: das Gruppenfoto der Neusser Delegation. FOTO: Berns Lothar

Neuss. Beim Pierburg-Altstandort beharrt Neuss auf der Mischung von Gewerbe und Wohnen, für Bauer & Schaurte ist Kreativität gefragt.

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"Die Reise nach München hat sich gelohnt, das steht fest", Bürgermeister Reiner Breuer könnte auch der Expo Real, Internationale Fachmesse für Investitionen und Immobilien, in München gestern zwar keine spektakulären neuen Projekte für die Stadtentwicklung präsentieren, in vielen laufenden Projekten sei man aber weitergekommen. Das gilt offenbar auch für die Pläne zur Nutzung des Altstandortes Pierburg an der Stadtgrenze zu Heerdt.

Mit dem Projektentwickler, der Bema-Gruppe in Düsseldorf, seien intensive Gespräche mit Blick auf Verteilung von Wohnen und Gewerbe auf dem Areal geführt worden. Der Konflikt: Bema, so Breuer, will ein Maximum an Wohnbebauung, weil Wohnungen am besten und lukrativsten zu vermarkten sind. Die Stadt drängt jedoch auf die Errichtung eines Mischgebiets von Wohnen und Gewerbe. "Wir wollen ausschließen, dass Industrie und Gewerbe komplett verdrängt oder im Umfeld durch das neue Quartier beeinträchtigt werden", sagt Breuer.

Die Stadt arbeite mit Bema an einem städtebaulichen Vertrag, der, so die Hoffnung des Bürgermeisters, in einem Monat stehen könnte. Gelingt das, wäre man der Realisierung der Pläne für das alte Pierburg-Areal einen großen Schritt näher. Breuer ist zwar grundsätzlich optimistisch, dass es zu einer Einigung mit Bema kommt, sieht aber in den kommenden Wochen noch weiteren Klärungsbedarf: "Die Verhandlungen stehen Spitz auf Knopf. Klar ist: Wir akzeptieren kein Mischgebiet, dass nur auf dem Papier steht." Die rechtliche Situation in den Verhandlungen mit Bema sei durchaus "kniffelig", da sich das Unternehmen auf Bauvoranfragen und auf entsprechende Bescheide des früheren Bürgermeisters Herbert Napp berufe.

Mit Blick auf das zweite große, ebenfalls als Mischgebiet geplante, Areal in der City, das Gelände der früheren Schraubenfabrik Bauer & Schaurte wünscht sich Reiner Breuer mehr Mut und Kreativität. "Ich bin gespannt, was sich die Architekten im jetzt gestarteten Ideenwettbewerb ausdenken." Ginge es nach Breuer dürften sie sich "mal richtig austoben" und sollten sich nicht zu stark an den nüchternen Vorgaben de Wettbewerbsbeschreibung orientieren. "Wann hat man schon einmal die Chance, an so exponierter Stelle, direkt am Hauptbahnhof, ein komplett neues Stadtquartier zu entwickeln", sagt Breuer.

Die zentrale Lage schreie förmlich nach besonderer Berücksichtigung des Faktors Mobilität. 20 bis 30 Jahre vorausgedacht, werde Mobilität in einem Ballungsraum wie Neuss/Düsseldorf eines der Top-Themen sein. Dazu gehören der ÖPNV, aber auch vergleichsweise einfache Idee, wie Quartiergaragen oder autofreie Siedlungen, wie es sie etwa in Münster bereits gibt.

Auch über Wohnformen der Zukunft und natürlich energetische Fragen müsse bei einem Projekt einer solchen Größenordnung intensiv und kreativ nachgedacht werden. "Mehr Mut. Dort kann die neue Visitenkarte der Stadt entstehen - dazu muss man aber auch einmal über die Marienkirche hinaus denken dürfen", sagt Breuer in München. Wichtig sei der Stadt zudem, das baukulturelle Erbe des Industriestandorts zu bewahren. "Das muss aber nicht Aufgabe der Stadt sein, wie viele meinen, nur weil das Wort Denkmalschutz gefallen ist", so der Bürgermeister. Auch das sei Aufgabe des Eigentümers. Bema zeige sich konstruktiv, wenn es darum gehe, den historischen Charakter des Viertels sichtbar zu machen.

Das Thema Mobilität bewegt Breuer aber nicht nur mit Blick auf das Areal am Bahnhof. "Mobilität ist ein gutes Beispiel dafür, dass wir über die kommunalen Grenzen hinweg vernetzt planen müssen, sei es künftig in der Metropolregion Rheinland oder im direkten Austausch mit unseren Nachbarn", so Breuer. Dass 20.000 Pendler täglich zum größten Teil im Stau stehen, sei heute schon eine Belastung für die Betroffenen ebenso wie für Umwelt und Infrastruktur. "Warum nicht mit Düsseldorf und der Rheinbahn einen neuen Park&Ride-Platz an der Kardinal-Frings-Brücke bauen, für den Düsseldorf auch investiert?" fragt Breuer.

Auch im Wohnungsbau sei eine koordinierte, gemeinsame Planung überfällig. Analysen zum künftigen Wohnungsbedarf, wie sie jetzt zum Beispiel der Kreis vorgelegt habe, machten keinen Sinn, wenn die Entwicklung im Umland, speziell in Düsseldorf nicht berücksichtigt werde. "Es kann ja nicht sein, dass alle, die in Düsseldorf keine Wohnung mehr finanzieren können, in öffentlich geförderten Wohnungsbau in Neuss oder dem Kreis unterkommen müssen." Breuer zeigte sich deshalb erleichtert, dass Oberbürgermeister Thomas Geisel auf der Expo Real gestern noch einmal zahlreiche Projekte präsentierte, mit denen das Angebot an bezahlbaren Wohnungen in der Landeshauptstadt wieder steigen soll.

Möglicherweise, so Breuer, könnte künftig auch ein gemeinsamer Auftritt der Metropolregion Düsseldorf bei der Expo Real Sinn machen. Bis es soweit ist, fühlt sich Breuer als Teil des Standorts Niederrhein auf der Messe "grundsätzlich gut aufgehoben". Er könnte sich aber eine Optimierung des Messeauftritts vorstellen: "Jeder sollte auch an einem Gemeinschaftsstand noch erkennbar bleiben." Eine Gemeinschaft werde stark durch Vielfalt, nicht durch Uniformität. "Da darf es niemand stören, wenn eine Stadt wie Neuss sich auch sichtbar positioniert." Kleines Beispiel dafür: Die Neusser Delegation trat mit einer eigenen, in den Stadtfarben Rot und Weiß gehaltenen Krawatte auf, während alle anderen Partner am Gemeinschaftsstand mit einem einheitlichen "Niederrhein-Binder" unterwegs waren.

Auch der CDU-Stadtverordnete Sebastian Rosen würde Neuss am Niederrhein gern "sichtbarer" machen: "Neuss ist fast unsichtbar und wird einsortiert wie eine kleine kreisangehörige Stadt." Krefeld und Mönchengladbach hingegen würden deutlicher betont, obwohl Neuss diesen Städten an Wirtschaftskraft nicht nachstehe.

Roland Kehl von den Neusser Grünen hingegen sah Neuss "untergegangen" eher am Stand des bisherigen Expo-Partners Düsseldorf. Einen Verbesserungsvorschlag hat aber auch er: "Wenn am Niederrhein-Stand noch etwas mehr Programm gemacht würde, wäre die Aufmerksamkeit höher."

David Zülow, Unternehmer aus Neuss, hingegen sieht die Region mit dem Gemeinschaftsauftritt auf dem richtigen Weg. "Wir stehen hier auf der Expo Real im Wettbewerb der Regionen, aktuell in einer Halle zwischen Moskau, Helsinki und Stockholm, da macht nur ein Auftritt Sinn, der die Kräfte bündelt und der Region eine wahrnehmbare Größe gibt."

Quelle: NGZ

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