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Neuss
Brücke von der Moderne zur Tradition

Neuss: Brücke von der Moderne zur Tradition
Die Schwerkraft scheint für die Tänzer des Alonzo King Lines Ballet aus San Francisco keine Bedeutung zu haben. FOTO: RJ Muna
Neuss. Zum vierten Mal war das Alonzo King Lines Ballet zu Gast bei den Internationalen Tanzwochen - und wurde wieder bejubelt. Von Helga Bittner

Wenn es nur ein Gefühl sein soll, an dem sich die Qualität einer bühnenkünstlerischen Darbietung festmachen lässt, dann hat die Company von Choreograph Alonzo King das wohl schönste Beispiel parat. "Writing Ground" heißt die Arbeit, die eine dreiviertel Stunde dauert und von Musik begleitet wird, die manches Mal nicht nur fremd, sondern sogar monoton und anstrengend klingt. Und trotzdem enden für den Zuschauer diese 45 Minuten mit dem Gefühl, dass der Bühnentanz doch gerade erst begonnen hat.

Geistliche Musik aus der jüdischen, christlichen, muslimischen und buddhistischen Tradition verknüpft der Amerikaner King mit einer moderner Tanzsprache und ist damit in Zeiten großer Flüchtlingsbewegungen so aktuell wie nur möglich. Dabei ist King, der sein Lines Ballet in San Francisco 1982 gründete, nachdem er selbst als Tänzer bei Alvin Aileys American Ballet Theatre ausgestiegen war, gefühlt schon ewig in diesem Thema zu Hause.

Traditionelle sephardische Lieder haben ihn zu Choreographien ebenso angeregt wie die elektrisierende Atmosphäre der Metropole New York. King ist ein Brückenbauer, zwischen östlicher und westlicher Welt, vor allem aber in seinem Metier, dem Tanz, zwischen der Moderne und der Tradition. Seine Tänzer können Spitze tanzen wie im "Schwanensee", aber ihre Bewegungen sind gleichzeitig von einer modernen Athletik und Beweglichkeit, die Arme und Hände einbezieht, die staunen macht. Da fließt zusammen, was auf den ersten Anschein gar nicht zusammengehört, aber schon einen Moment später lässt sich nichts anderes mehr vorstellen - ob als Pas de deux oder Ensemble-Tanz.

Mit zwölf Tänzern ist das Lines Ballet in Neuss zu den Internationalen Tanzwochen angereist, und wenn diese schweratmend nach rund eineinhalb Stunden Tanz sich vor dem jubelnden Publikum verbeugen, haben sie auch eine Brücke geschlagen. Zwischen jenen, die sich schon immer im Tanz verlieren konnten, und jenen, die es gerade erst gelernt haben. Sie haben mit ihren Körpern uralte Geschichten erzählt, von Liebe, von Zorn, von Opfertum, von Sinnlichkeit, von Ritualen.

Alonzo King hat sich von Gedichten des 1965 geborenen, irisch-amerikanischen Schriftstellers Colum McCann inspirieren lassen und seine Gedanken auf fast spirituelle Weise in eine ebenso feinsinnig wie ausdrucksstarke Körpersprache übersetzt. Jeder einzelne seiner fabelhaften, klassisch ausgebildeteten Tänzer wahrt dabei seine spezielle Persönlichkeit.

Das zeichnet auch die Choreographien "Concerto for two Violins" und "Men's Quintett" aus. Wobei bei ersteren Bachs Musik ungleich gefälliger, die Arbeit auch eine wunderbare Hommage in einem aber sehr eigenständigen Stil an den großen George Balanchine ist, den King verehrt und der Bachs Werk ebenfalls verarbeitet hat. Höchst effektvoll ist die Schlussminute: Das Licht erlischt, die Tänzer auf der Bühne frieren zu Schatten ein.

"Men's Quintett" erinnert nicht von ungefähr an "Schwanensee". Fünf Männer laufen zur Musik von Edgar Meyer im Kreis umeinander, einer schält sich heraus und schafft sich tanzend seine eigene Realität.

Quelle: NGZ
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