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Ingo Stolz (SPD)
"CDU und Grüne tun mir ein bisschen leid"

Ingo Stolz (SPD): "CDU und Grüne tun mir ein bisschen leid"
Ingo Stolz gehörte dem Stadtrat in den 15 Jahren an, in denen der heutige Bürgermeister Fraktionsvorsitzender war. Ein Breuer-Fan wurde er nicht. FOTO: woi
Neuss. Der Breuer-Kritiker Stolz über die Situation des neuen Bürgermeisters, die Ratsmehrheit und die Macht der Ortsvereine.

Herr Stolz, Sie stehen nicht in dem Verdacht, zum Reiner-Breuer-Fanclub zu gehören. Macht er seine Sache als Bürgermeister gut?

Ingo Stolz Ich denke ja. Wenn man sich die Situation vor Augen führt, muss man feststellen: Er hat ein schwieriges Amt übernommen und aus meiner Sicht noch keine Fehler gemacht.

Vor wenigen Jahren waren Sie eine Lichtgestalt in der SPD, die auch mal eine Wahl gewinnen und ein Direktmandat erobern konnte. 2014 gab es drei Direktmandate, aber darüber spricht niemand mehr. Überlagern Breuers Wahlsiege alles andere?

Stolz Das ist Schnee von gestern. Die zu lösenden Probleme sind zu groß, um sich damit aufzuhalten.

Aber Ihre Erfolge wurden ja auch immer wieder betont - Ingo Stolz, der Bürgermeister von Allerheiligen!

Stolz Erfolg schafft Erfolg. Ich war immer hochmotiviert und die Leute mussten glauben: Der hat meine Stimme zurecht erhalten. Das schafft man aber nur, wenn man sich als Persönlichkeit ausbildet. Der Weg dahin hat aber eine Vorarbeit von 20 Jahren gebraucht.

Aber ist es nicht ein Risiko für eine Partei, wenn nur noch der Bürgermeister als ihr Frontmann wahrgenommen wird, die Breite dahinter aber nicht?

Stolz Das ist für alle Beteiligten ein Risiko, auch für Reiner Breuer persönlich. Diese Fokussierung lenkt von allem ab: den Themen, der Sacharbeit. Und das nutzt keinem, auch nicht denen, die dieses Spiel machen. Das trägt nicht auf Dauer. Angebracht wäre, den Gegner in den Focus zu nehmen und da zu halten. Das aber ist anstrengender, als auf den Frontmann zu schielen und sich hinter ihm zu verstecken.

Das ist vielleicht zu kritisieren, neu oder unverständlich ist es nicht.

Stolz Nein, Breuers Vorgänger Herbert Napp und die CDU haben das genauso gemacht. Man muss aufpassen, dass man nicht in dieses Fahrwasser gerät.

Sie sagen es. Die CDU hatte mit Herbert Napp mitunter ihre liebe Not, wenn der Initiativen startete und die Fraktion hinterherlaufen und eine Mehrheit dafür sichern musste. Droht das der SPD auch?

Stolz Nein. Ich kenne ja die Leute im Rat. Ich denke bei uns in der SPD sind wir Gott sei Dank etwas, ich betone: etwas, anders gepolt. Ich war ja auch einer, der in der Fraktion eine eigene, eine abweichende Meinung vertreten hat. Einen Hartmut Rohmer kann man auch nicht so einfangen. Und davon haben wir einige, auch bei den jungen Strategen wie Sascha Karbowiak oder Hakan Temel. Die sind durchaus integer, mit denen kann Breuer nicht Schlitten fahren.

Aber die Fraktion hat sich doch schon verändert. Breuer tritt sein Bürgermeisteramt an - und erstmals seit Jahren trägt die SPD den Haushalt mit. Das klingt nach Verbiegen.

Stolz Nein, das ist die normative Kraft des Faktischen.

Aktuell machen CDU und Grüne mit ihrer starken Position im Rat dem Bürgermeister die Räume eng. Zuletzt habe sie dessen Pläne zum Whitesell-Gelände scheitern lassen.

Stolz Die tun mir ein bisschen leid, denn die haben sich noch nicht gefunden. Die sind noch immer mit sich, dem Wahlergebnis, dem Kandidatenkarussell beschäftigt. Im Arbeitsmodus ist zumindest die CDU noch nicht angekommen. Selbst zu denken sind die auch schlicht nicht gewohnt. Was die zu beschließen hatten, wurde ihnen früher von der Verwaltung einfach vorgekaut. Ich behaupte sogar, dass deren Anträge in der Verwaltung formuliert wurden. Deswegen hat Reiner Breuer ja als erstes den Zugriff der CDU auf Beigeordnete und Verwaltung zu kanalisieren und einzuschränken versucht.

Nehmen Sie die Grünen aus?

Stolz Die Grünen - sind eigentlich nur grün lackierte Schwarze. Waren die immer schon.

Aber das löst ja Breuers Probleme im Rat nicht, so lange Grüne, CDU und FDP eine Mehrheit haben. Was muss der denn tun, um in eine gestaltende Rolle kommen zu können und eine Mehrheit dafür zu finden?

Stolz Gelassenheit. Ruhe. Das wäre mein Rat. Auf der Linie bleiben - und die anderen ins Leere laufen lassen, sie als ewige Stänkerer erkennbar machen.

Aber hat Breuer die Zeit? Er ist gewählt worden, weil die Leute Veränderung wünschen. Muss er nicht irgendwann auch mal liefern?

Stolz Das sagen Sie. Das sagt der politische Gegner auch - aber nur, damit die Wähler denken: Breuer tut nichts. Die wollen den Nimbus aufbauen, Breuer würde nichts liefern, und gleichzeitig sorgen sie dafür, dass er nichts liefern kann.

Das kann auch ein Bumerang für CDU und Grüne werden. Die Leute sind ja nicht blöd. Und wenn die Koalition den Bürgermeister am ausgestreckten Arm verhungern lässt,...

Stolz ....könnte ein Solidarisierungseffekt für den Bürgermeister eintreten, ja. Das setzt aber natürlich voraus, dass die Leute selber denken.

Über die Fraktion haben wir gesprochen, welche Rolle spielen in dem Konzert denn die sieben SPD-Ortsvereine und der Stadtverband? Kommt von denen genug?

Stolz Leider nein. Das ist ein Unterschied zwischen SPD und CDU. Die Stellung der Ortsvereine in der SPD war früher viel stärker, als beim politischen Gegner. Doch während deren Einfluss bei uns sinkt, scheint er bei der CDU zu steigen. Die sind dabei, sich über die Ortsverbände neu aufzustellen, aus denen sie neue Kraft zu schöpfen versucht. Das ist eigentlich eine gute Strategie - wenn es klappt.

Als Büroleiter eines Bundestagsabgeordneten haben Sie erlebt, wie Karrieren, die an einem Wahlerfolg hängen, scheitern können. Was muss passieren, damit Reiner Breuer das 2020 nicht widerfährt?

Stolz Er sollte nicht ausschließlich die Sacharbeit in den Vordergrund stellen. In der Beziehung zu und zwischen Menschen gibt es auch andere Dinge. Emotionen, zum Beispiel. Er muss daran arbeiten, auch das Bauchgefühl der Leute anzusprechen. Kurz: Breuer darf sich nicht selbst aus den Augen verlieren.

CHRISTOPH KLEINAU FÜHRTE DAS GESPRÄCH

Quelle: NGZ
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