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Neuss
Das Epanchoir wird zum Millionengrab

Neuss: Das Epanchoir wird zum Millionengrab
In dem "Loch" an der Nordkanalallee steckt auch Geld von Landschaftsverband, NRW-Stiftung und der Stiftung Denkmalschutz. Die Politik will aufgelistet haben, wer wie viel gibt - und wo noch Geld zu holen wäre. Der Förderverein wäre bereit, weiter Spenden einzuwerben, damit das Werk nicht unvollendet bleibt. FOTO: L. Berns.
Neuss. Die Politik muss eine Hiobsbotschaft verdauen: Die Umgestaltung der Wasserkreuzung am Nordkanal wird viel teurer. Die SPD fordert Konsequenzen, die Koalition schießt Geld nach. Von Christoph Kleina

Handarbeit hat ihren Preis. Den hat in diesem Fall die Stadt Neuss zu zahlen, die in das Prestigevorhaben an der Nordkanalallee, die Rekonstruktion des Wasserkreuzungsbauwerks Epanchoir, 375.000 Euro nachschießen muss. Damit wird ihr Anteil an den Kosten auf nun 675.000 Euro mehr als verdoppelt. Ausgerechnet an dem Tag, als der Bund der Steuerzahler sein Schwarzbuch zur Dokumentation von verschwendeten Steuergeldern vorlegte, überrumpelte die Verwaltung den Bauausschuss mit dieser Nachricht. Dessen Mitglieder zeigten sich schockiert, gaben aber - mit der Faust in der Tasche - in nicht-öffentlicher Sitzung die weiteren Aufträge und das zusätzliche Geld frei.

Für die SPD ist das Vorgehen der Verwaltung ein ausgemachter Skandal. Als Mitte 2011 der Grundsatzbeschluss zur Erneuerung dieses technischen Denkmals gefasst wurde, stellte sich das noch als Nullsummen-Spiel für die städtische Kasse dar. Später fand sich eine Mehrheit, die knapp die Hälfte der auf 595.000 Euro kalkulierten Kosten aus Mitteln der Stadt zur Verfügung stellen wollte. Den Rest sollten Spenden und Fördergelder abdecken. Nun kostet die Chose fast eine Million. "Und wir haben nicht den Eindruck, dass das schon alles war", sagt Mirza Kehonjic-Tiede (SPD) mit Blick auf den Sachvortrag der Verwaltung. Die Zustimmung seiner Fraktion zu solchen Vorhaben möchte er in Zukunft an die Bedingung einer klaren Kostenkalkulation knüpfen. Denn einige von den Positionen, die jetzt unter der Rubrik "unvorhergesehen" kostentreibend auftauchen, hätte die Stadt früher erkennen müssen. "Die Stadt ist sehenden Auges in diese Kostenfalle gelaufen", sagt auch Peter Ott (SPD).

2015: Wie Steuergelder verbrannt werden FOTO: dpa

Eine "Falle", aus der es kein Entrinnen gibt. "Was wäre, wenn wir jetzt aufhören würden?", fragte Angelika Quiring-Perl (CDU), die sicher ist: Hätte der Rat diese Entwicklung geahnt - die Beschlüsse pro Rekonstruktion wären nicht gefasst worden. "Das Epanchoir ist ein Juwel - aber das muss man sich auch leisten können". Ihre Frage beantwortet Gerd Eckers vom Tiefbaumanagement: Ein Ausstiegsbeschluss hätte zur Folge, dass schon verbaute Fördermittel zurückgefordert würden. Und natürlich bliebe an der Nordkanalallee ein großes Loch zurück, ergänzte Karl-Heinz Baum (CDU). Also machte die schwarz-grüne Koalition die Augen zu und zog die Sache durch. Obwohl auch Ingeborg Arndt für die Grünen feststellte: "Wir waren dafür. Aber jetzt geht uns das etwas zu weit."

Für die Verwaltung verteidigte Eckers die Kostenexplosion mit nachträglichen Auflagen der Denkmalbehörden. Die verlangten in der Tat, die historischen Bauteile von Hand freizulegen, zu sichern, zu reinigen und zu vermessen. Dass sich dann noch unvermutet Fundament- und Leitungsreste in der Grube fanden und mehr Schlamm zu beseitigen war, machte das Vorhaben ebenso teurer wie die aufwendige Wasserhaltung. Denn auch während des Baustopps liefen die Wasserpumpen weiter. Aus Sicht des Vereins der "Freunde und Förderer des Historischen Nordkanals" zählt, dass die Vergaben beschlossen wurde. "Es geht weiter", sagte Klaus-Karl Kaster, Ideengeber und Motor des Projektes - noch vor wenigen Wochen. Christoph Kleinau

Schwarzbuch: Fälle von Steuerverschwendung in NRW FOTO: Bund der Steuerzahler NRW
Quelle: NGZ
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