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Neuss
Das Inszenierte in Alltagssituationen

Neuss: Das Inszenierte in Alltagssituationen
"Wolf, Teddy und die anderen" heißt das Bild (Tempera auf Nessel), das Jürgen Gromoll 2009 gemalt hat. FOTO: Andreas Woitschützke
Neuss. Im Atelierhaus Hansastraße präsentiert der Neusser Künstler Jürgen Gromoll Bilder, die teilweise zum ersten Mal überhaupt zu sehen sind. "Think different" ist die Schau überschrieben. Sie wird heute Abend eröffnet. Von Helga Bittner

Schwarz ist die Leinwand. Manchmal auch zweigeteilt, aber immer ist der Untergrund dunkel - was die spärlich gesetzten Figuren umso deutlicher macht. "Phaidra" ist eine von ihnen, die allerdings ganz modern daherkommt. Kein Wunder, die Vorlage ist ein Model aus einer Hochglanzzeitschrift. So ähnlich lautet bei vielen Werken die Erklärung des Künstlers Jürgen Gromoll, wenn er nach dem Wer auf seinen Bildern gefragt wird. Mal ist es ein Model, mal sind es alte Fotos von Kindern, mal die Internetseite eines Klatschportals: "Ich suche Fotos, die einen Ausdruck im Blick haben", sagt er, "und sie finden mich."

Die Bilder des Künstlers Jürgen Gromoll anzusehen, ist ebenso gedankenerweiternd wie die Unterhaltung mit ihm. "Think different", der Titel seiner Ausstellung im Atelierhaus, ist auch Aufforderung an den Betrachter. Manches, was das eigene Hirn einem sagt - beim Anblick etwa von "Wolf, Teddy und die anderen" - ist Gromoll nämlich auch nicht bewusst. Die Kleidung des abgebildeten Kinderpaars aus den 1940er Jahren, das mit Schrecken auf einen mit dem Rücken zum Betrachter sitzenden Teddy schaut - seine ganze Haltung signalisiert Resignation -, dazu die Szene mit dem Nazi und dem Blumenkind, der große Wolf, der den Betrachter intensiv anblickt - da muss einem doch einfallen, dass Hitlers weibliche Verehrerinnen ihren Schwarm auch schon mal mit "Wölfchen" anredeten, oder? "Das wusste ich gar nicht", sagt Gromoll und ergänzt dann nachdenklich: "Das ist ja unglaublich ...".

Er sieht vor allem in Alltagssituationen das Inszenierte und findet darin den Impuls, seine eigene Version auf die Leinwand zu bringen. Das ist bei der modernen "Phaidra" im Herzchenkleid und mit abschätzigen Blick auf ein Pferd so (nach der Legende wurde ihr verfluchter Stiefsohn Hippolytos auf der Flucht von seinen eigenen Pferden zu Tode geschleift), aber auch bei "Johannes der Täufer", der mit Tieren gesprochen haben soll, und von Gromoll als Säugling mit Erwachsenen-Blick auf einen Steinbock gemalt wurde.

Die Auswahl der Kunstwerke (auch kleine Installationen und Buchdrucke gehören dazu) habe er unter ästhetischen Gesichtspunkten vorgenommen, gibt Gromoll gerne zu. Das führt dazu, dass er einige Bilder zum ersten Mal öffentlich zeigt, obwohl sie schon vor Jahren entstanden sind und er auch immer wieder Ausstellungen bestückt. "Es hat nie gepasst", sagt er, "aber im Atelierhaus gibt es große Wände, da passten sie einfach." Wie wichtig die Präsentation an sich ist, weiß der Künstler genau: "Schließlich habe ich lange genug Ausstellungskonzepte entworfen."

Kleine Arbeiten oder auch Videos zeigen eine andere Kunst-Fertigkeit von Jürgen Gromoll: der Umgang mit Sprache. Er arbeit viel mit Texten, findet bildliche Entsprechungen und heraus kommt zum Beispiel ein "One Way Set" aus einem Plastik-Rührstäbchen und zwei Pommesgabeln unter dem Markennamen "Joy". Ein schon vor einigen Jahren entstandenes Schächtelchen, das nun im Sinne des Wortes unter Glas gesetzt ist ...

Quelle: NGZ
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