| 00.00 Uhr

Neuss
"Das ist das Gegenteil von Integration"

Neuss: "Das ist das Gegenteil von Integration"
Salafisten in Neuss: Rapper Deso Dogg war zu Jahresbeginn 2012 in Weckhoven zu Gast. FOTO: Screenshot Youtube
Neuss. Beigeordneter Stefan Hahn und Anwohner kritisieren den muslimischen Kulturverein an der Weckhovener Straße. Von Christoph Kleinau

Anonym eingesandte Briefe verschwinden im Rathaus schnell im Papierkorb. Dieser nicht. Denn er schildert sehr detailliert die Szene rund um den muslimischen Kulturverein an der Weckhovener Straße – und die Ängste der Anwohner. "Wir fühlen uns ausgeliefert", heißt es in dem Brief, der an alle Fraktionen und die Mitglieder der Stadtteilkonferenz Weckhoven weitergegeben wurde. Dabei aber bleibt es nicht. "Die Stadt wird Rechtswidrigkeiten nicht tolerieren, sondern im Zusammenschluss mit Polizei und Landesbehörden unterbinden", kündigt der Beigeordnete Stefan Hahn an.

Vor ziemlich genau einem Jahr sorgte das muslimische Gemeindezentrum für Schlagzeilen als bekannt wurde, dass dort Anhänger der als extremistisch geltenden Salafisten ein Seminar abhielten, bei dem auch Abou Maleeq predigte, ein konvertierter Berliner Rapper, gegen den auch wegen Volksverhetzung ermittelt wurde. Und nicht erst seit damals hat der Verfassungsschutz die Einrichtung im Auge.

"Wir haben keine Wahrnehmung oder Hinweise, dass sich dort eine kritische Szene bildet, die von besonderer oder relevanter Bedeutung für die Polizei ist", fasst eine Sprecherin des Polizeipräsidiums Düsseldorf die Erkenntnisse der Behörden zur beobachteten Entwicklung seit damals zusammen. Es sei aber bekannt, dass es immer mal wieder Seminare gebe, bei denen Redner zu Wort kommen, die kritisch betrachtet würden. Das, so Hahn, löse auch im Rathaus Sorgen aus.

Der Hinweis, dass die Einrichtung vom Verfassungssschutz beobachtet wird, hat die Anwohner noch mehr beunruhigt, halten diese in dem Schreiben fest. Denn sie stellen einen Zusammenhang zur Berichterstattung über Salafisten-Hochburgen in Solingen und Bonn her: "Bei allen Veranstaltungen parken Fahrzeuge mit diesen Kennzeichen vor unseren Haustüren." Das wurde zuletzt an Neujahr beobachtet.

Während der Staatsschutz von einer "kritischen Szene" nicht sprechen will, vollzieht sich in Weckhoven ein schleichender Wandel, der im Ort aber auch im Rathaus mit dem Einfluss dieses Zentrums in Verbindung gebracht wird. "Wir haben den Eindruck, dass im Umfeld der Einrichtung das Gegenteil von dem passiert, was wir Integration nennen", formuliert Stefan Hahn.

Sein Eindruck ist das Ergebnis vieler Rückmeldungen auch aus unterschiedlichen Einrichtungen im Ort. Muslimische Eltern drängen darauf, schon im Kindergarten Jungen und Mädchen zu trennen, Jugendliche bleiben dem "Treff Weckhoven" fern, wo sie mal 60 Prozent der Stammbesucher ausmachten. Heute sind es noch zehn Prozent. Frauen nehmen Angebote – etwa des SkF – nicht mehr wahr. Und die Zahl voll verschleierter Frauen in der Öffentlichkeit nimmt zu.

"Einfach zu sagen, das seien keine Salafisten, nimmt man uns im Ort nicht mehr ab", hält die Stadtverordnete Karin Kilb (CDU) fest. Sie hatte nach den Schlagzeilen im Vorjahr – wie auch andere Mitglieder der Stadtteilkonferenz – auf Information und Aufklärung gesetzt und selbst Kontakt zu diesem Kulturverein aufgenommen. Dass es sich um eine Moschee für Weckhovener Bürger handelt, glaubt sie nicht (mehr).

Mit dem Kulturzentrum "wurde einer Straße etwas aufgebürdet, was nicht zu ertragen ist", geht Pfarrer Dirk Thamm, Mitglied der Stadtteilkonferenz, konkret auf die Beobachtungen der Anwohner ein. Die monieren Ordnungswidrigkeiten wie zugeparkte Straßen, Ruhestörungen sprechen aber auch von Übernachtungsaktionen in dem ehemaligen Ladenlokal – und beobachten "hilflos", wie sie schreiben, "wie aus einer Einfamilienhaussiedlung eine außerordentlich muslimisch dominierte Zone geworden ist."

Bekir Öztürk, Sprecher des Kulturvereins, versucht zu relativieren. Von Belästigung spreche nur eine Person, verschleierte Frauen gäbe es in Weckhoven seit 20 Jahren – und auch ihre Zahl sei nicht gewachsen. Er spricht von Verleumdung und erklärt, die Türen der Moschee stehe allen offen.

Neusser Fachleute sehen das anders. "Eine extremere und extremistische Abgrenzung zur deutschen Kultur ist festzustellen", werden ihre Beobachtungen im Protokoll einer Informationsveranstaltung zusammengefasst, zu der die Stadt Anfang Dezember unter dem Titel "Extremistische Gruppierungen und erforderliche Handlungskonzepte für die Neusser Jugendarbeit am Beispiel der Salafisten" einlud. Und genau an diesem Punkt müsse angesetzt werden, meint Wolfgang Köhler von der FDP. "Wir müssen gerade die Jugend vor extremistischen Einflüssen schützen", sagt der Weckhovener. Das Sozialmonitoring, dessen Ergebnisse am Mittwoch in einer Abschlussveranstaltung diskutiert wurden, möchte er zur Grundlage für ein Konzept einer vernetzten Jugend- und Sozialarbeit machen. "Das ist das Thema Nummer eins."

Quelle: NGZ
Diskussion
Ihre Meinung zum Thema ist gefragt

Schreiben Sie jetzt Ihre Meinung zu:

Neuss: "Das ist das Gegenteil von Integration"


Beachten Sie dabei bitte unsere Regeln für Leserkommentare.