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Neuss
Das Neusser Kammerorchester balanciert zwischen Jazz und Klassik

Neuss. Das Neusser Kammerorchester (NKO) unter seinem Leiter Joachim Neugart bestritt sein Sommerkonzert im Zeughaus mit einem ganz außergewöhnlichen Gast. Wann lädt denn schon mal ein klassisches Streichorchester einen Jazzpianisten ein? Das mag so manchen NKO-Fan verstört haben, denn dieses Konzert im Zeughaus hätte doppelt so viele Zuhörer verdient gehabt.

Der estnische Jazzpianist und Komponist Kristjan Randalu (37) ist allerdings auch nicht so einfach einzuordnen. Nach Studium in Köln, London und New York entwickelte er sich zum fesselnden Seiltänzer zwischen Klassik und Jazz. Er passt in kein Lager, für Jazz sind sein Spiel und seine Kompositionen zu klassisch, für die Klassik zu melodie- und rhythmusbetont, auch wenn charakteristische Elemente wie der Swing fehlen. Vielleicht trifft noch der ohnehin wenig präzise Begriff "Ethno-Jazz" am ehesten zu, denn in Neuss kamen fünf Stücke aus seinem "Enter Denter" für Klavier und Streichorchester zur deutschen Erstaufführung. In geistreichen Improvisationen werden populäre Kinderlieder aus einer estnischen Fernsehsendung zu mystischen Streicherklängen variiert.

Bei der rasanten "Mäusejagd" deckt das rabiate Flügelspiel mit Chick-Corea-Touch das Orchester völlig zu, den Rhythmus beim "Wiegenlied des Teddybären" bestimmt aber das Orchester fein lyrisch wie auch beim "Wiegenlied der Puppe", hier oft im Pizzicato. Den pulsierenden Rhythmus des "Löwenzahn", auf Klaviersaiten initiiert, nehmen die tiefen Streicher auf und halten ihn ostinat exakt durch. Auf diesem Fundament improvisierte Kristjan Randalu höchst ideenreich, wie auch bei "Pippi Langstrumpf" in auftrumpfender formaler Rondo-Symmetrie. Das gefiel dem Publikum hörbar ("Bravo!"), auch wegen der technischen Perfektion des Klavierspiels.

Das NKO war aber nicht nur verlässlicher Begleiter, sondern hatte sein Programm dem Gast angepasst. Zwei Sätze aus Nino Rotas "Concerto per archi" musizierte das Ensemble, diesmal nur mit 15 Streichern besetzt, in auch bei dramatischen Steigerungen wunderschönen Klangfacetten. Der Ungar Antal Doráti war einer der bedeutendsten Dirigenten des 20. Jahrhunderts. Gleichwohl komponierte er zeit seines Lebens und schuf ein ansehnliches Oeuvre, das glücklicherweise vermehrt in den Konzertsälen anzutreffen ist. Das NKO spielte seine "American Serenade für Streicher" mit temperamentvoller Vitalität und bis zum letzten "Dance" sehr sauber.

In der Zugabe begeisterte noch mal ein estnisches Kinderlied: "Each One's Own Piano and Orchestra". Groß war anschließend der Run auf Randalu-CDs.

(Nima)
 
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