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Bettina Jahnke
"Den Intendantenberuf kann man nicht lernen"

Bettina Jahnke: "Den Intendantenberuf kann man nicht lernen"
Bettina Jahnke, RLT-Intendantin. FOTO: end
Neuss. #MeToo und Machtmissbrauch sind Themen, die auch die RLT-Chefin umtreiben. Ein Gespräch über Grenzen und wie man sie setzt.

Neuss Die Vorwürfe an den früheren Chef der "Burg" in Wien, Matthias Hartmann, sorgen auch im Theater für Diskussionen - ebenso wie die MeToo-Debatte. Bettina Jahnke hat ihre erste Intendantenstelle in Neuss am RLT angetreten, nun steht sie kurz vor dem Wechsel nach Potsdam. Sie musste den Job erst lernen, sagt sie.

Frau Jahnke, Sie gehören zu den 20 Prozent der Frauen, die ein Theater leiten. Warum gibt es so wenig Intendantinnen?

Bettina Jahnke Theaterchefs werden von Kommunen gewählt, von deren Politikern. Die lassen sich erstens nicht von außen zwingen, etwa durch eine Frauenquote, zweitens sind in der Politik auch viele Männer. Und Männer wählen eher Männer. Der Job eines Intendanten hat auch was mit Durchsetzungskraft zu tun, die trauen Männer eher Männern zu.

Aber Sie haben sich damals durchgesetzt, obwohl unter Ihren Mitbewerbern auch Männer waren. Womit?

Jahnke (lacht) Gute Frage! Ich denke, dass es auch Gremien gibt, die über diese Männer-Frauen-Frage hinausschauen und einfach die richtige Persönlichkeit für das Haus suchen. Da war ich in Neuss wohl zur richtigen Zeit am richtigen Platz und der richtige Mensch. Zudem hatte vor mir schon eine Frau das Theater geleitet, vielleicht waren dadurch die Berührungsängste auch nicht so groß.

Das RLT ist Ihre erste Intendantenstation. Welchen Führungsstil pflegen Sie?

Jahnke Da fragen Sie am besten meine Mitarbeiter. Aber tatsächlich glaube ich, dass man bestimmte Eigenschaften für eine solche Position haben muss. Und wenn man sie nicht hat, kann man sie entwickeln. Ich habe mich schulen lassen, ein Coaching gemacht, über den Bühnenverein Kurse besucht, etwa zur Konfliktbewältigung. Schließlich kann man den Beruf des Intendanten nicht lernen, von Haus aus sind wir Dramaturgen oder Regisseure.

Sind Frauen eher bereit, sich ausbilden, belehren im besten Sinne zu lassen als Männer?

Jahnke (zögert) Ich möchte nicht die Diskussion nach dem Motto "Frauen sind die besseren Menschen" befeuern. Es kann nicht zielführend sein, wenn wir uns gegeneinander ausspielen. Ich suche eher den Fehler im System, in der Struktur- und Machtdebatte. Machtmissbrauch kann nur dort entstehen, wo viel Macht ist. Und viel Macht maßen sich Menschen an, die ein Ego-Problem haben. Dafür sind Männer eher anfällig - was aber nicht heißt, dass Frauen es nicht auch haben können. Mir ist es ungeheuer wichtig, dass wir reden: Männer mit Frauen und Frauen mit Frauen.

Doch Sie sehen auch ein Strukturproblem?

Jahnke Ja, so lange es einen Prinzipalen gibt, einen Menschen, der gottgleich über allen schwebt, werden wir das Problem nicht lösen. Dabei ist es egal, ob es sich um das Theater, die Wirtschaft oder etwa die Medizin handelt.

Allerdings scheint es so, dass Männer diese Macht schneller ausnutzen - wie die aktuellen Vorwürfe an Dieter Wedel und Matthias Hartmann zeigen. Von Frauen hört man das weniger. Von Ihnen weiß man, dass es auch schon mal sehr laut zugehen kann. Haben Sie ein Regulativ, das Ihnen sagt: Bis hierhin und nicht weiter?,

Jahnke Das ist für mich auch eine Frage der Persönlichkeitsstruktur. Wenn man sich Hartmanns Reaktionen vor Augen hält, sieht man: Da ist keine Einsicht, kein Unrechtsbewusstsein. Er sagt halt: Ich bin eben so! Ich schlag mal über die Stränge, aber hab mich auch immer entschuldigt! Dass Überschreitungen passieren, gehört zu unserem beruflichen Alltag, der ja sehr emotional ist. Aber es gibt Grenzen, und die muss man selbst setzen.

Machtmissbrauch funktioniert oft, weil der andere Angst hat.

Jahnke Das stimmt. Doch wo ein Intendant Angst schürt, kann sich keine Kreativität entwickeln. Ich glaube nicht, dass man, um Kunst zu produzieren, leiden muss, ich glaube nicht, dass es Druck braucht. Das scheint mir nur Teil eines Mythos von dem angeblich so genialischen Regisseur zu sein.

Haben Sie selbst mal als Regisseurin eine Grenze überschritten?

Jahnke Natürlich betrete ich im Überschwang auch die Bühne, um einen Schauspieler zu einer bestimmten Spielart zu bewegen. Aber wenn das mit körperlicher Berührung zu tun hat, weil es zum Beispiel um eine Schlägerei oder Liebeszene geht, frage ich grundsätzlich um Erlaubnis.

Und wenn Sie wütend sind?

Jahnke Ich versuche, dann einen Schritt wieder zurückzugehen. Wenn ich das nicht kann, gibt es immer einen anderen, der mich anspricht. Wir haben zum Glück in unserem Haus ein solches Verhältnis. Immer wieder das Gespräch suchen, offen bleiben, ist sehr wichtig. Außerdem trenne ich sehr stark zwischen meinem Job als Regisseurin und dem als Intendantin. Das hab ich lernen müssen.

HELGA BITTNER FÜHRTE DAS GESPRÄCH.

Quelle: NGZ
 
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