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Neuss
Der Bahndamm als Kunst-Wanderweg

Neuss: Der Bahndamm als Kunst-Wanderweg
Über Brücken von beeindruckender Dimension quer der "Strategische Bahndamm" Straßen, Feld- und Wanderwege im Rhein-Kreis kreuzungsfrei. FOTO: L. Berns
Neuss. Der strategische Ansatz: Eine neue Eisenbahnlinie, die das Ruhrgebiet mit Lothringen verbindet. Die Arbeit an der Trasse wurde 1904 begonnen, aber nie beendet. Heute markieren Rückriem-Skulpturen den Abschnitt zwischen Helpenstein und Rommerskirchen – ein Osterspaziergang. Von Ludger Baten

Die mächtige Granit-Skulptur aus der Werkstatt von Ulrich Rückriem erinnert an einen trutzigen Wächter. Doch wer sich auf den elf Kilometer langen Weg machen möchte, den lässt der "Wegsteher" passieren. In dem nahen 370-Seelen-Dorf Helpenstein wuchs Rückriem auf, heute markieren "Sieben Scheiben" des Künstlers von Weltruf diesen einzigartigen Kunst-Wanderweg, der von der Erft bis zum Bahnhof Eckum in Rommerskirchen führt. Die erste Skulptur, gleich hinter der Erftbrücke, könnte auch als eine Art Ausrufezeichen verstanden werden: "Hereinspaziert!"

Wer noch keinen Osterspaziergang geplant hat, dem sei das dreieinhalbstündige Erlebnis auf dem "Strategischen Bahndamm" empfohlen. Unterwegs öffnen sich ungewohnte Blicke, die dem Autofahrer verborgen bleiben. Die Silhouette der Dörfer taucht am Horizont auf, wird passiert und bleibt zurück. Ist das Neukirchen oder doch Widdeshoven? Ist das noch Gohr oder schon Anstel? Letztlich machen die Kirchtürme den unverwechselbaren Unterschied. So wird der Spaziergang zu einer Entdeckungstour durch einen oft überraschend unbekannten und schönen Teil des Rhein-Kreises Neuss.

Der gut erhaltene Abschnitt zwischen Helpenstein und Rommerskirchen ist erlebbarer Teil eines kühnen Plans. Der so genannte "Strategische Bahndamm" sollte, so die Idee zu Beginn des 20. Jahrhunderts, das Ruhrgebiet mit dem Saarland und Lothringen verbinden. Mit dem Bau wurde 1904 begonnen. Nachdem Deutschland den Ersten Weltkrieg verloren hatte, verhinderte Frankreich die Fertigstellung: Die Eisenbahnlinie hätte auch für den raschen Aufmarsch deutscher Truppen gegen Frankreich genutzt werden können.

So blieb die Bahntrasse unvollendet. Reste sind aber auch hierzulande erhalten: im Reuschenberger Wald ("Teufelschlucht") und vor allem eben die Linienführung zwischen Helpenstein und Eckum; teils als Damm, teils als Trog, aber immer schnurr gerade und angenehm eben. Beeindrucken sind die Dimensionen der Brücken für die kreuzungsfreie Querung der Straßen und Feldwege. Diese hundert Jahre alten Bauwerke sind sehenswert – wie der Bahndamm selbst. Der Wanderer muss auf seinem Weg nach Eckum nur vier Mal den Damm verlassen, um eine Straße zu queren, weil eine Brücke fehlt. Der Weg ist nur für geübte Radler mit guten Steuerkünsten geeignet.

Unterwegs werden die sieben Rückriem-Granite zu Etappenzielen; monumentale Markierungen in einer Landschaft, in der die Übergänge von landwirtschaftlichen und industriellen Nutzung fließend sind. Dieser Spaziergang wird zur Heimatkunde.

Quelle: NGZ
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