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Neuss
Der ewige Klassensprecher

Neuss: Der ewige Klassensprecher
Die alte Münsterschule an der Quirinusstraße war eine klassische Volksschule. Sie wurde im Jahr 1970 abgerissen. FOTO: Stadtarchiv Neuss
Neuss. Alfred-Georg Olbrich war Klassen- und Schulsprecher an der alten Münsterschule und organisiert seit 66 Jahren das Klassentreffen. Von Lea Hensen

Jedes Jahr im August greift Alfred-Georg Olbrich zum Telefon. Er telefoniert eine Liste durch: Abschlussjahrgang 1951, alte Münsterschule Neuss. "Ich frage die Kameraden immer persönlich, ob sie beim Klassentreffen dabei sind", sagt er. Ob sie mal fragen, warum immer er organisiert? "Die sagen sich: Dat hätt der doch immer jedon", sagt er.

Das hat er wohl. Mit Jahrgang 1935, seit 66 Jahren - fast ein dreiviertel Leben lang. In seiner alten Jahrgangsstufe ist Olbrich der ewige Klassensprecher. Der, der sich immer meldet, anpackt, organisiert. Auch wenn die Männergruppe, die sich jedes Jahr im November im Neusser Drusushof trifft, mit den Jahren geschrumpft ist. 2012 war der Abschlussjahrgang mit 28 noch vollzählig. 2015 kamen nur noch zwölf. Am vergangenen Freitag, beim 66. Klassentreffen, waren es zehn. "Viele sind verstorben, so manch einer erkrankt", sagt Olbrich. Und doch seien es immer wieder die alten Geschichten, die so ein Treffen ausmachten: "Wir lachen über unsere Streiche, wie wir zum Beispiel dem Lehrer weiße Mäuse im Pult versteckt haben."

Geboren wurde Olbrich in Oberschlesien, in Bad Ziegenhals, Glucholazy, im heutigen Polen. Als nach Kriegsende die deutsche Bevölkerung dort vertrieben wurde, kam er mit seiner Mutter und seinem Bruder nach Neuss. "Wir hatten ja wenig", sagt der heute 82-Jährige: "Und aus dem Wenigen habe ich dann versucht, etwas zu machen."

Alfred-Georg Olbrich (links) und seine ältesten Schulkameraden beim 66. Klassentreffen im Drusushof. FOTO: woi

Der Größte und Älteste der Jahrgangsstufe wurde nicht nur Klassen-, sondern auch Schulsprecher und Obermessdiener der Münster-Kirche. "Meine Zeugnisse waren immer top, die Noten lagen im Bereich eins bis drei", sagt er - stolz zurückblickend. Und das, obwohl es bei dem Schüler, der bis zum zehnten Lebensjahr noch keine Schule besucht hatte, anfangs mit den Deutschkenntnissen im Schriftlichen haperte. Es ist wohl vor allen Dingen sein Naturell, das ihn erfolgreich sein ließ. "Ich hatte das Maul immer weit vorne", sagt er: "Ich war zum Beispiel ziemlich gut im 'Fringsen', wie man das damals nannte. Ich klaute die Braunkohle von den Zugwaggons und verkaufte sie auf dem Markt."

",Machen' war stets meine Lebensphilosophie", sagt er. Das galt auch nach der Schulzeit, die der Klassenälteste ein Jahr früher als die anderen beendete. Er machte zuerst eine kaufmännische Ausbildung beim Tabakwarengeschäft Leuchten und wurde später Geschäftsführer bei Optik Rodenstock. Im Neusser Stadtleben ist er bei fünf Vereinsgründungen beteiligt: Handball- und Tennisclub Reuschenberg, Heimat- und Siedlerverein, auch beim Kinderbauernhof.

Für Arag-Versicherungen reiste er nach Rom, Seoul und Taiwan. Doch für das Klassentreffen kam er jedes Jahr zurück nach Neuss. Warum? Das hat er doch immer getan.

Quelle: NGZ
 
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