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Neuss
Der lange Umweg zum Traumberuf

Neuss: Der lange Umweg zum Traumberuf
Waschen, schneiden, legen - Nadine Peks hat nach langen Umwegen zu ihrem Traumberuf Friseurin gefunden. Mit 37 Jahren als sie als Jahrgangsbeste der Kreishandwerkerschaft Niederrhein ihre Ausbildung abgeschlossen. FOTO: Anja Tinter
Neuss. Abitur, Projektmanagerin, Frisör-Azubi - der ungewöhnliche Bildungsweg der Nadine Peks ist eine Bilderbuchkarriere fürs Handwerk. Von Andreas Gruhn

Lern was Vernünftiges. An diesen Satz erinnert sich Nadine Peks noch heute ganz genau. Also lernte sie zuerst das, was man für vernünftig hielt. Und wurde erst viele Jahre später glücklich. Die Neusserin Nadine Peks schneidet heute Haare im Salon Scholz und Friseure in Neuss. Sie hat gerade ihre Ausbildung zur Friseurin als Jahrgangsbeste abgeschlossen. Mit 37. "Ich war nie so glücklich wie heute", sagt sie, die mit ihrem so ungewöhnlichen Bildungsweg eine Bilderbuchkarriere für das Handwerk im Allgemeinen hingelegt hat.

Friseurin wollte sie immer schon werden. Auch, als sie 1999 am Neusser Marie-Curie-Gymnasium das Abitur machte. "Ich mag das Kreative, Klassisches mit Neuem zu kombinieren", sagt sie. Ihr Umfeld war von dem Plan zunächst gar nicht so begeistert. "Es hieß immer: Dafür hast du doch nicht Abi gemacht. Geh studieren."

Also ging Nadine Peks studieren. Sie tat, was andere ihr sagten. An der Hochschule Niederrhein schrieb sie sich für Produkt- und Textildesign ein und jobbte nebenbei für eine Marktforschungsagentur in Neuss. Im Laufe der Semester jobbte sie immer mehr und studierte immer weniger. "Ich habe das immer mehr vor mir hergeschoben", erinnert sich Nadine Peks. 2005 brach sie das Studium endgültig ab und konzentrierte sich nur noch auf ihren Job. Sie wurde immer besser, auch ohne Ausbildung, und machte Karriere, brachte es bis zur Projektmanagerin. Sie arbeitete bis zur Erschöpfung - und machte 2012 endgültig den Schnitt. "Ich habe zu viel gearbeitet, ich konnte nicht mehr", sagt Nadine Peks. "Da habe ich gedacht: Jetzt mache ich, was ich will." Und das war: Friseurin werden. Sie bewarb sich bei Christian Scholz, einem Schulfreund, der in Neuss einen Salon betreibt. Und der bildete sie nun zur besten Friseur-Gesellin am Niederrhein aus. Die finanziellen Einbußen, die der Schritt von der Projektmanagerin zur Friseur-Azubi mitbringt, nahm sie in Kauf. "Mein Mann hat mir Mut gemacht."

Solche Bildungskarrieren liebt das Handwerk. Die Kammern und Kreishandwerkerschaften werben seit einiger Zeit gezielt um Studienabbrecher, weil viele Betriebe es immer schwerer haben, guten Nachwuchs für ihre freien Ausbildungsplätze zu finden. Immer mehr Abiturienten studieren, immer weniger bewerben sich um eine klassische duale Ausbildung. Fachleute und Kreishandwerksmeister Rolf Meurer warnen deshalb vor "Akademisierungswahn".

Auch im Bezirk der Kreishandwerkerschaft Niederrhein ist die Zahl der Absolventen im vergangenen Jahr deutlich zurückgegangen. Von insgesamt 1266 Auszubildenden haben 986 die Gesellenprüfung bestanden. 2014 waren es noch 1066 neue Gesellen (von 1350 Azubis in der Gesellenprüfung). Die Erfolgsquote ging ebenfalls leicht zurück von 79 Prozent auf 77,9 Prozent. Zuletzt legte die Kreishandwerkerschaft gemeinsam mit der Hochschule Niederrhein einen trialen Studiengang auf. Immerhin 14 Leute haben sich für den in Kürze beginnenden Ausbildungsgang bereits eingeschrieben, berichtete Kreishandwerksmeister Rolf Meurer. "Es ist ein Märchen, dass Akademiker grundsätzlich mehr Geld verdienen und bessere Jobs haben", sagte Meurer kürzlich bei der Ehrung der Jahresbesten. "Handwerker sind erfolgreiche Unternehmer und wichtige Bestandteile der Gesellschaft."

Nadine Peks bestätigt das mit ihrem Beispiel: "Ich hab's allen gezeigt."

Quelle: NGZ
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